Gesammelt. Sortiert. Verkauft. Verwertet - Das komplexe Business mit unseren Altkleidern

Aktualisiert: Nov 10

Schlüsselfiguren in der Textilbranche: kommerzielle Textilsortierbetriebe. Bei ihnen landet zwangsläufig die meisten Textilien irgendwann. Dabei spielt es keine Rolle ob sie gespendet oder verkauft wurden. Die beiden Giganten der Industrie in Deutschland sind, SOEX und TEXAID. Die beiden habe ich mir genauer angeschaut um den Prozess zu erkären.


Die letzten zwei Wochen habe ich mich ständig gefragt wer eigentlich die Schlüsselakteure der Textilindustrie sind, wenn es um das Lebensende unserer Kleidung geht. Nachdem ich mit Thomas Ahlmann von FairWertung geredet habe, bestätigte sich meine Vermutung: Es sind nicht die Sammler, sondern die Sortierbetriebe für Altkleider, die eine gravierende Rolle am Markt spielen. Und davon gibt es gar nicht so viele. Hier also der Überblick, was Textilsortierungen eigentlich machen und wer die größten Akteure in Deutschland sind.


LOS GEHTS!


Was können wir mit ungewollter gebrauchter Kleidung machen, wenn wir sie nicht direkt an Freunde und Familie, weitergeben oder auf einem Marktplatz oder einem Second Hand Laden verkaufen?


Was tun mit ungewollter Kleidung?


Wir können es entweder an ein ReCommerce-Unternehmen verkaufen, gegen einen Gutschein in eine Take-Back-Box in Läden tauschen oder an eine Kleidersammlung spenden.


ReCommerce-Unternehmen: Dieses kauft nur an, was es auch mit Gewinn wieder weiterverkaufen kann. Manche ReCommerce-Unternehmen (und dazu gehören nicht nur reine ReCommerce-Player wie Momox, sonder auch Unternehmen wie Zalando) verkaufen neben Altkleider auch Warenretouren oder Restposten. Hier gibt es verschiedenste Modelle. Fakt ist, was lange nicht einzeln weiterverkauft wird, wird im Kilo an einen Sortierbetrieb verkauft. Der Erlös bleibt im Unternehmen.


Take-Back-Boxen: In Take-Back-Boxen kann man alle Textilien werfen, egal was. Als Dankeschön erhält man meist einen Gutschein von dem Laden, indem es die Take-Back-Box steht. Viele Läden (gleiches gilt auch für Schuhe) bieten einen solchen Service mittlerweile an. Die Boxen werden an einen Sortierbetrieb verkauft, oder direkt von einem Sortierbetrieb abgeholt. So Etwas nennt man White Labeling: die Standardboxen des Sortierbetriebs werden mit dem Ladenlogo bedruckt, er zahlt eine ‘Miete’ für seine Box im Laden. Der Laden erhält die Miete und setzt zudem einen Kaufreiz bei dem Kunden. Win-Win für beide. Je nachdem wie das Unternehmen diese Boxen vermarktet und sich dazu aufstellt, gehen die Erlöse an eine Stiftung (wie bei H&M) oder sie zählen zu dem zusätzlichen Einkommen.


Kleidersammlungen: Kleidersammlungen können sich ganz unterschiedlich gestalten. Manche sammeln mit Flyern von Tür zu Tür, andere direkt in Abgabestellen, wieder andere mit Altkleidercontainern. Und manche machen sogar alles drei, wie z.B. die Deutsche Kleiderstiftung. Generell ist aber in drei Kategorien zu unterscheiden:


Karitative Sammler:

In Deutschland sind alle Kleidercontainer, die bewiesen ‘Gutes’ mit der Kleidung tun, mit dem Siegel FairWertung ausgestattet. Bitte verwendet nur solche, falls ihr Container wählt und es nicht direkt abgebt. Nicht jede karitative Einrichtung verfügt über eigene Sortiermöglichkeiten und Kleiderkammern, bei denen die gespendeten Kleider direkt an Bedürftige (egal ob in Deutschland oder im Ausland) abgegeben werden können. Einige, wie das Rote Kreuz, überlassen die Entleerung direkt kommerziellen Sammlern, die sie zu kommerziellen, aber legalen Sortierbetrieben bringen. Sogar die Berliner Kleiderkammer macht das. Wichtig ist zu verstehen, dass die Kleidung so oder so einem Guten Zweck zugute kommt. In vielen Fällen, werden die Betriebskosten allerdings von dem Erlös der gesammelten Kleidung abgezogen, bevor die Erlöse gemeinnützige oder entwicklungspolitische Projekte finanzieren.


Illegale Sammler:

Es gibt viele illegale Sammler in Deutschland. Die Altkleidercontainer werden einfach unerlaubt irgendwo abgestellt und teilweise mit falscher Kommunikation beklebt. Das ist tatsächlich ein lukratives Geschäft, da wir Deutschen im globalen Vergleich gute, einwandfreie Ware ‘spenden’. Die Illegalen Sammler verkaufen die Kleidung im Kilo an jene Sortierbetriebe, denen es egal ist, woher die Ware kommt. Viel dieser Sortierer sitzen in Osteuropa, oder sortieren illegal hier in Deutschland und verkaufen die Ware an Second Hand Shops in Osteuropa.


Offizielle kommerzielle Sammler:

Es gibt auch offizielle Sammler, die keinen karitativen Zweck nachweisen können. Dazu zählt z.B auch die Humana Kleidersammlung e.V. in Nordrhein Westfalen. Ihnen wurde das Recht untersagt, Kommunikation, also Werbung, auf ihren Sammelcontainer anzubringen, die den Anschein weckt, gemeinnützig zu sein. Die letzten Jahre konnte die Organisation nicht transparent darlegen, was sie mit dem Geld aus dem Erlös der Kleidung machen. Auch der Verband Fairwertung akzeptiert den Verein nicht als gemeinnützig, was sie im Endeffekt zu einem kommerziellen Sammler macht. Bei den Offiziellen kommerziellen Sammlern gibt es wieder solche mit eigener Sortierung (wie Humana in Berlin) und solche Ohne. Die Ohne verkaufen es an Textilsortierer, per Kilo, versteht sich.


Textilsortier-Betriebe: Hier landet also der Großteil der in Deutschland gespendeten Kleidung. Was nicht in Kleiderkammern verteilt wurde, oder in einer Vorsortierung an eigene Second Hand Shops ging, so wie das z.B. bei der Deutschen Kleiderkammer und seinen ‘Zweimalschön’ Läden ist, landet hier.


Pro Jahr werden in Deutschland 1350 Millionen Tonnen Textilien gesammelt. Diese landen zu großen Teilen bei den in Deutschland agierenden Textilsortierbetrieben. Hier einige, die ich bei der Recherche gefunden habe: (*Zahlen nach eigenen Angaben)


  • SOEX GmbH: 300 Tonnen pro Tag (2019); Sortierwerk in Ahrensburg

  • FWS GmbH: 280 Tonnen täglich; Sortierung in Bremen

  • TEXAID AG: 123 Tonnen pro Tag; Sortierung in Apolda

  • Torun TEX GmbH: 100 Tonnen Alttextilien pro Tag; Sortierung in Salzgitter, Sigmaringen, Dietzenbach, Heilbronn

  • Textilrecycling GmbH: 70 Tonnen pro Tag; Sortierung in Rotterdam

  • Remitex GmbH: 30 Tonnen Rohware pro Tag; Sortierung in Philippsburg-Huttenheim 1981

  • ReTextil GmbH: 20 Tonnen pro Tag (2018)


Weitere:

  • Caritas Sortierzentren

  • Dohmann Textilverwertung GmbH Sortierung in Dortmund

  • HUMANA Sortierung in Berlin

  • Kleider Kammer Deutschland Sortierzentren

  • Lorenz Wittmann GmbH

  • Striebel Textil GmbH Sortierung in Langenenslingen

  • Berliner Stadt Mission


Aber im Prinzip läuft es immer so ab, wie ich auf dem Bild dargestellt habe:



Überblick über die vier Schritte der Textilverwertung bei großen Sortierbetrieben

(EXKURS: Sich zu Kleiden ist ein Grundbedürfnis. 70% der Weltbevölkerung können sich keine neuen Textilien leisten. Der Handel mit Altkleidern und Kleiderspenden ist kein Ding der Neuzeit, schon immer gingen Kleider von Reichen zu Armen, ob im Inland oder im Ausland. Das einzig Neue ist die steigende Beliebtheit der Second Hand Ware in Westeuropa, sowie immer mehr `Creme-Ware` (saubere, intakte und modische Altkleider). Auch meine Familie hat ihre eigene Geschichte mit Altkleidung. Früher haben wir von Bekannten und Verwandten aus Deutschland Kleidung erhalten. Als wir in den 90ern selbst in Deutschland lebten, hat mein Onkel in der Kirchgemeinde für Waisenhäuser in Osteuropa gesammelt. Der Fluß von Altkleidern lag aber nicht alleine daran, dass die Leute im Osten ärmer waren, dort gab es auch keine westliche Mode zu kaufen. Die Lust nach modischer Markenkleidung wurde dann eben durch illegale Importe von neuer, sowie gebrauchter Ware aufgefangen. Wenn man nicht das Glück hatte, Kleidung von Organisationen, Kirchen und Verwandten und Bekannten umsonst zu bekommen, kaufte man diese eben auf dem Schwarzmarkt. Deswegen hat es mich nicht gewundert, als ich las, dass die größten zwei Sortierbetriebe in Deutschland fast im gleichen Jahr gegründet wurden, eins mit karitativem Hintergrund, das andere aus direkten kommerziellen Beweggründen.)


TEXAID und SOEX

Die beide Giganten in Europa und global agierend. Beide mit sehr unterschiedlichen Geschichten.


TEXAID (hier das ausführliche Profil) ist ursprünglich einer karitativen schweizer Kollektive entsprungen, mittlerweile ist sie aber eine Aktiengesellschaft, die Profit erwirtschaftet um Projekte zu finanzieren. Sie gibt es seit 1977.


SOEX wurde 1978 von einem syrischen Kaufmann ins Leben gerufen.


Beide Unternehmen zählen heute zu den größten Treibern und Akteuren bei der Entwicklung nachhaltiger Prozesse des Recyclings. Beide haben in Deutschland hochtechnologische Sortierzentren aufgebaut. Beide Unternehmen sind nicht nur in der Lage, Produkte und Materialien zur weiteren Verwertung herzustellen (von Putzlappen bis zu Stofftierfüllungen entstehen bei SOEX viele Wertstoffe aus den Alttextilien), sondern auch Schuhe zu recyclen und in Faser-zu-Faser Recycling Forschung zu investieren.

Fakt ist aber auch, das die noch tragbare Ware, also eher gesagt der Erlös der noch tragbaren Ware, wichtig ist, um die Sortierbetriebe am Laufen zu halten. Beide Betriebe verkaufen die ‘Creme-Ware’ in eigenen Ladenkonzepten um ein Maximum an Marge selber abzugreifen. Texaid hat dafür die ReSale GmbH und die Carou GmbH, SOEX setzt auf die Pick & Weight Läden in ganz Europa. SOEX zeigt sich sowieso als Vorreiter bei der Geschäftsentwicklung. Sie waren es, die die Sammlungen für das Rote Kreuz in den 80ern ins Rollen brachten und sie waren es auch, die vor ca. 5 Jahren mit der H&M Gruppe und Puma die Take-Back Boxen in den Läden der Marken installierten. Heute haben sie dafür ein eigenständiges globales Unternehmen gegründet, die I:CO GmbH, die mittlerweile auch in Asien und der USA tätig ist. Die Idee dahinter ist so einfach wie genial, die Altkleider werden direkt dort abgeholt, wo neue gekauft wird. TEXAID agiert dagegen etwas digitaler. Während sie nicht nur verstärkt beim Wiederverkauf von Second Hand auf online setzen, setzen sie auch bei den Kleiderspenden auf das digitale Verfahren: Mit ihrem Unternehmen PackMe kann der Kunde ein Pakten mit Altkleidern einsenden und sich einen Gutschein für seinen Lieblingsshop aussuchen.


In dem Video von Galileo wurde die I:CO Take-Back Lösung von SEOX mit H&M, im ganzen Sortierungsprozess & Verwertungsprozess vorgestellt.


Sortierung

Die gesammelte Ware wird in fast jedem Sortierbetrieb erst grob sortiert (in Kategorien: Hosen zu Hosen, Hemden zu Hemden usw.). Bei der Feinsortierung geht es dann in Kategorien weiter: Creme-Ware für westeuropäische Second Hand Läden. Wenn ein Sortierbetrieb, wie Texaid oder Soex, eigene hat, dann für diese , ansonsten für den Whole Sale an andere Second Hand shops. Bei der weiteren Sortierung geht es ebenso in Kategorien weiter: 1 Osteuropa, 2 Afrika, 3 andere Länder. Dort werden sie in Ballen im Großhandel verkauft.


Recycling

Aus untragbarer Kleidung werden dann Materialen für andere Produkte gemacht. Vom Downcycling (Putzlappen) bis Upcycling (Fasern für unsere Geldscheine). Echtes Recycling (Faser zu Faser) findet derzeit nur zu 0,1 % statt.


(Wobei mein Vater mir bestätigt hat, dass die recycelten Poliertücher, die aus den Sortierbetrieben kamen, nur für den einmaligen Gebrauch waren. Man wischen damit Schmierstoffe, wie Öl weg, damit sind die dann so verschmutzt, sodass sie in den Müll geworfen werden und sie mit dem Industriemüll verbrannt werden. Bei manchen Recycling Produkten gelingt dann eben doch nur die Verlängerung um eine einmalige Nutzung).


Entsorgung

Und was ist mit Alttextilien, die zu gar nichts mehr verwertet werden können? Sie werden laut den Webseitenwerden zur Energiegewinnung verwendet. Sie werden also verbrannt. Inwiefern die Sortierbetriebe dafür noch Geld bekommen oder bezahlen müssen, entzieht sich meiner Erkenntnis.

Fazit zu den Sortierbetrieben


Fakt ist, was nicht irgendwann bei den großen offiziellen Sortierbetrieben landet, landet vermutlich statt im Recycling auf Mülldeponien oder als ‘Landfills’ in Entwicklungsländern. Und da gehört es wirklich nicht hin. Gute, wenn auch kommerzielle Textilsortierungen sind derzeit wichtig, wenn es darum geht, Spenden zu sammeln und Textilen bestmöglich abzugeben.

Quellen: taixaid.vom

soex.com

youtube.com/watch

re-textil.de/startseite/

remitex.de/altkleidersortierung/

drk-freiburg.de

kleiderstiftung.de

224 Ansichten