Auf einmal wird Zeit wichtiger als Geld – Interview mit Max Green

Das Gegenteil von einem Minimalist ist wohl ein Konsumopfer. Und ich bin (oder war) wohl eher das Zweitere, weswegen ich unbedingt mit einem Minimalisten reden wollte. Da bin ich irgendwie auf Max gestoßen. Ende Juni hatte er zeit für mich und ein paar meiner Fragen per Telefon. Falls ihr nochmal wissen wollte, wie Minimalismus jetzt nochmal genau definiert ist, könnt ihr das hier nochmal nachlesen.


Wie definiert du Minimalismus?


Für uns ist Minimalismus das Leben leichter, unkomplizierter, günstiger und inspirierender zu gestalten. Wir haben das aktiv gemacht, als wir auf 28 qm zu dritt eingezogen sind. Erst dann haben wir wirklich gemerkt, was Minimalismus ist. Wir mussten uns von ganz viel trennen, wobei das nicht negativ klingen soll. Vielleicht heißt es besser, wir durften uns von ganz viel trennen, was uns im Alltag vom wesentlichen ablenkt. Wir konnten dadurch den Fokus im Leben, darauf richten, was wirklich zählt. Und das ist für uns nicht Konsum und auch nicht Dinge an sich. Dieser Bezug zum 'Hier und Jetzt', zu dir selbst, hast du nicht, wenn du gerade physisch oder gedanklich am shoppen bist. Vielleicht macht dich der Kauf kurzzeitig glücklich, aber er lenkt auch unheimlich von den Dingen ab, die vielleicht kostenlos sind und dich vielmehr bereichern könnten. Dadurch, dass du dich nicht die ganze Zeit mit Konsum beschäftigst, wirst du auch viel freier im Kopf. Das ist für uns Minimalismus.


Wie konsumiert ihr heute, wenn ihr konsumiert?


Wenn wir etwas brauchen, treffen wir ganz bewusst eine Kaufentscheidung, ohne uns von dazu verführen zu lassen. Da spielt die Nachhaltigkeit eines Produktes eine Rolle und auch Secondhand wird häufiger gekauft. Es ist eine richtige Entscheidung, nicht nur ein Gefühl, dass von außen herangebracht wird, dem man dann einfach nachgibt.


Als ihr entschieden habt in ein Tiny House zu ziehen, musstet ihr ja ausmisten. Ist es euch schwer gefallen, euch von manchen Dingen zu trennen und habt ihr Sachen weggegeben müssen, um die es euch nachher Leid tat?


Es war sehr schwer, aber vor allem weil es zeitaufwendig war. Wir wohnten vor unserer Entscheidung auf 81 qm in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in Berlin. Wir hatten einfach viel in der Wohnung und einen vollen Keller. Als ich mit meiner Freundin zusammengezogen bin wurden aus zwei Haushalten einer , also hatten wir viel doppelt und dann sollten daraus noch 28 qm werden. Wir hatten ca. 60-70 Kisten wenn man alles betrachtet, was wir hatten. Das alles loszuwerden war vor allem ein großer Zeitaufwand. Das schwerste war aber, dass damit anfangen. Wir waren mit anderen Planungsaufgaben für unser Tiny House beschäftigt und haben uns mit dem ausmisten soviel Zeit gelassen, dass wir am Ende nur 1-2 Monate dafür hatten. Jede Kiste weniger war ein gutes Gefühl und hat sich einfach richtig angefühlt.

Bei manchen Dingen war es allerdings schwer sich zu trennen, wegen der Erinnerungen. Aber die Sachen selbst hatten aber keinen Wert, wie z.B. alte Reiseunterlagen. Ich bin ein Reisefreak und mir viel es schwer diese Dinge wegzuwerfen. Auch die Fotos in 'behalte ich' und 'kann weg' zu sortieren war nicht so leicht. Ansonsten hatten wir wenig Probleme Dinge wegzugeben, weil wir wussten wofür wir es machen. Zum Glück hatten wir jetzt keine Möbel, die Erbstücke oder so waren. Sowas blieb uns erspart.



Wie seid ihr alles losgeworden?


Bis zum heutigen Tag haben wir bestimmt 15 Flohmärkte mitgemacht, ebay-Kleinanzeigen ausgereizt und auch viel entsorgt und verschenkt. Als alles weg war, war das ziemlich erleichternd. Eine ganze Menge Zeug, um das man sich nicht mehr sorgen muss.




Wie war der Weg ins Tiny House und zum Minimalismus?


Wir hatten jetzt keine Agenda Minimalisten zu werden. Wir hatten viele Erfahrungswerte die bei mir und meiner Freundin übereinstimmten. Z.B. waren uns die 81 qm zu viel Platz. Wir schliefen ab und zu im Wohnzimmer, da wir dort ein Dachfenster hatten und gerne die Sterne betrachteten. Irgendwann gingen wir zum Schlafen gar nicht mehr ins Schlafzimmer und verwendeten es eher als Rumpelkammer. Dann kam uns beiden die Frage, wieso zahlen wir 81 qm wenn wir nur 50 qm verwenden? Das ist viel Geld, dass wir verschwenden und wofür wir arbeiten gehen und weniger Zeit füreinander haben.


Kurz darauf kam ein positiver Schicksaalsschlag. Eine Freundin hatte ein Tiny House auf Rädern und wir wollten schon immer in einem schlafen. Wir haben uns es dann für eine Nacht 'geliehen'. Am nächsten Morgen haben meine Freundin und ich uns angeschaut und wussten gleich: Wir wollen ein Tiny House bauen und so wohnen. Dann kam eins zum anderen. Es war also mehr ein Bauchgefühl und die Erkenntnis, dass wir gar nicht soviel Platz brauchen.



Wie lange dauerte das bis du vom normal Konsumenten bis zum Tiny House?


Das hat tatsächlich begonnen, als ich mit dem Campen in Skandinavien begonnen hatte. Ich war noch nie verschwenderisch, aber bei unseren mehrmaligen Camping Trips ist mir die Natur und was wir mit ihr machen immer bewusster geworden. Die Nähe zur Natur, brachte die bessere Ernährung, den Verzicht auf Plastik und die Vermeidung von Konsum. Wenn es etwas nicht ohne Plastik gab, was ich gerne mochte, habe ich es nichtmehr gekauft, ohne, dass ich es als schmerzlichen Verzicht wahrgenommen habe, da ich wusste wieso ich es tue. Ich würde sagen ,es waren fünf Jahre von ersten Camping Trip bis zum Tiny House.


Vermisst ihr die Stadt nicht? Weg von Berlin stelle ich mir schwer vor.


Berlin ist ja nur 30-40 Minuten entfernt und wir waren seit 3-4 Monaten nicht mehr in der Stadt. Wir sind viel an Seen und Einkaufsmöglichkeiten gibt es auch hier. Also nein, uns zieht es immer weniger in die Stadt. Im Gegenteil, es ist unendlich entspannend nicht in die Stadt zu müssen, auch wenn wir viele Ecken in Berlin lieben, vor allem die an den Ecken mit Wasser, mit keinen Cafés. Von dem Massenkosnum in den Einkaufszentren haben wir uns ganz distanziert. Da gehen wir nichtmehr hinein und empfinden es als sehr ungesund, was da alles vor sich geht. Der Drang nach Berlin zu gehen wird immer kleiner.


Wie hängt für euch Minimalismus und Nachhaltigkeit zusammen?


Es ist nicht das gleiche, aber es geht stark Hand in Hand. Ich persönlich betrachte es als Kreislauf des Achtsamen-Lebens. Von Ernährung, über Sport, zu Konsum, es gehört irgendwie zusammen. Nachhaltig oder minimalistisch Leben ist beides eine bewusstere Lebensweise. Und wenn man eines davon bewusst macht, macht man meist auch das andere bewusst mit. Wir versuchen nicht zwanghaft alle Bereiche gänzlich abzudecken, sondern so wie wir uns wohl fühlen und es brauchen. Z.B. habe ich ein Auto, sogar einen Diesel, um die Kinder mal abzuholen oder einen Ausflug zu machen und für größere Einkäufe. Im Alltag bleibt es aber zum Großteil stehen und wir nutzen die Fahrräder.


Ihr, bzw. Du bist ja auch auf Social Media sehr aktiv. Versucht ihr andere von eurem Lebensstil zu überzeugen?


Wir versuchen unseren Lebensstil zu teilen und andere zu inspirieren. Nur wenn jeder all das Umsetzt was er kann, schaffen wir die Welt zu retten. Deswegen glaube ich man sollte den ganzer Kreislauf von Minimalismus und Nachhaltigkeit so gut es geht umsetzten. Aber missionieren wollen wir keinen.


Wenn man Minimalist wird, verlässt man ja teilweise die normalen Strukturen, man kann nichtmehr an allem teilhaben und kapselt sich etwas ab, bzw. besinnt sich auf sich selbst. Wenn wir alle morgen Minimalisten werden würden, wäre die Wirtschaft wohl am Boden. Daher meine Frage an dich: Muss man etwas egoistisch und unsozial sein um Minimalist zu werden?


Grundsätzlich glaube ich muss man Egoist sein und mit sich selbst anfangen um etwas ändern. Da kann man nicht auf die Gruppe warten. Nur dann kann man auch andere inspirieren. Man muss sich im Klaren sein, was man im Leben will. Trotzdem haben wir viel Austausch mit anderen und lassen uns auch inspirieren und teilen was wir machen. Wir teilen z.B. auch Gemüse, was wir zu viel im Garten haben und verschenken Sachen ,die wir nichtmehr brauchen. Das ist sogar sehr sozial. Man verbindet sich mit Anderen auf tieferer Ebene. Und die Wirtschaft muss sich eben umstellen, auf länger lebigere, bessere Produkte. Dann kommt die Wertschöpfung aus der Reparatur und nicht aus der Produktion. Es werden neue Unternehmen und Wirtschaftssegmente gegründet werden, und ja, manche Unternehmen werden verschwinden.


Ihr habt nicht das Gefühl ihr verzichtet gesellschaftlich auf etwas?


Wir haben auch Freunde die Cola trinken, Burger essen und nicht nachhaltig leben. Trotzdem sind wir Teil dieser Gruppe und geben uns wie wir sind und ziehen uns nicht zurück. Wir verurteilen andere nicht, weil sie unsere Lebensweise nicht annehmen. Und gleiches sollte auch andersherum gelten. Wir sind nicht belehrend, aber wenn jemand ein Problem damit oder Fragen dazu hat , wie wir leben, dann sind wir auch froh uns darüber auszutauschen.

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Was würdest du den Lesern des Blogposts mitgeben:


Es sollte sich jeder mal selber Fragen: Wieviel Platz brauche ich denn wirklich um so zu leben, dass man glücklich ist. Da kommt man auf spannende Erkenntnisse. Man muss mit sich selbst anfangen und seine Grenze und Bedürfnisse, fern ab der Medien erkennen.Eben womit man sich wohl und zufrieden fühlt und nicht soviel nach rechts und links schauen. Dann, wenn man damit zufrieden ist, kann man es mit anderen teilen und inspirieren, dass sie das Gleiche für sich testen. Nichts anders tue ich auf meinen Social-Media-Kanälen. Und wenn sich jemand für ein Tiny House entschieden hat, helfe gerne bei der Umsetzung.


Vielen Dank Max für das Interview. Und falls ihr mehr über Max wissen wollte, findet ihr seinen YouTube Kanal hier.


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