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Der Wholesale Trend mit Secondhand

Aktualisiert: Nov 6


Einer der erfolgreichsten Artikel auf diesem Blog ist "woher bekommt ein Secondhand Laden seine Ware". Und das ist kein Zufall, denn die Secondhand Branche boomt und viele fragen sich: woher kommen die ganzen Vintage und 90s Sachen plötzlich her?

Als ich Anfang letzten Jahres mit Moritz von Peeces ein Interview führte, war Peeces einer der wenigen 90s Vintage Online Shops, der gut gemacht war. Sie hatten damals 10k Follower. Heute sind es 118k. Mit dem Update meiner Liste der besten 90s Vintage Stores komme ich momentan kaum noch hinterher. Willy Vintage stiegen z.B. von 500 auf 2500 Follower und die Vintage Sisters von 3k auf 23k Folloers. Und von VinoKilo müssen wir gar nicht erst reden. Täglich kommen neue coole Secondhand Shops dazu.

Was haben all diese Shops außer Wachstum noch gemeinsam, bzw. worauf beruht ihr Wachstum eigentlich? Und welche Spuren hinterlässt dieser Boom an Vintage Ware in den den Strukturen.


Erst zu den Gemeinsamkeiten: Was haben all die Secondhand Läden, die sich auf den 90s Style fokussieren gemeinsam?

  • Sie sind jung, dass heißt sie werden von jungen Unternehmern (oft sogar direkt nach dem Abitur oder im Studium) gestartet. Sie haben ein lockeres Auftreten, nehmen ihr Uni bzw. Schulumfeld als erste Kunden mit und setzten verstärkt auf Social Media, mit Video Content und Werbung auf ihren Kanälen. Immer authentisch, immer cool. Immer mit Message.

  • Sie positionieren Vintage als gute Option zur Fast-Fashion.

  • Sie machen die alte Kleidung durch gutes Styling und Marketing wieder attraktiv und dadurch zu einer echten Option gegenüber Neuware. Sie sind selbst ein großer Faktor der Vintage & Secondhand zum Happening und dadurch cool macht.

  • Sie kaufen die 'Altkleider' meist bei Textilsortierungen oder Zwischenhändlern in Ballen zum Kilopreis und sortieren selbst nach.

Und da liegt der Schlüssel bzw. auch das Problem. Es gibt so viele Vintage Shops, weil es in den letzten Jahren vermehrt Wholesale für Secondhand und Vintage-Ware gibt. Und es gibt so viel Nachfrage, dass die Vintage Preise stabil sind und mehr Wholesale entsteht. Und diese Wholesaler haben gelernt sich selbst genauso jung und cool zu positionieren wie ihre jungen Gründer-Kunden.


Aber was genau ist Vintage-Wholesale?

Das sind meist Unternehmen, die sich zwischen die Textilsortierungen/-sammler und die jungen Vintage Shops schalten und wie ein Mittelsmann zwischen den unattraktiven Sortierungen und den hippen jungen Geschäftsführern agieren. Sie selbst treten jetzt vermehrt in Social Media als cooles Business auf. Sie werben mit der besten Auswahl und den besten Deals. Hier sind drei Beispiele.


Aber wieso ist Vintage-Wholesale problematisch?


Secondhand kaufen ist doch super! Zumindest ist die Geschichte einfach. Kaufe was schon da ist, das spart Ressourcen. Leider ist es in der Realität doch nicht immer so einfach. Denn generell kommt Vintage-Ware über Spenden zu den Textilsortierern (hier lest ihr wie das System funktioniert). Es gibt 3 große Arten an Textilsortierungen: karitativ (z.B. Deutsche Kleiderstiftung), kommerziell (z.B. SOEX) und Illegale Sammlungen (mehr zu dem Thema findet ihr in meinem Interview mit dem Geschäftsführer des Dachverbands der deutschen karitativen Textilsammlern).


Da die großen Textilsortierungen verstanden haben, dass sie am meisten Geld mit den 'Creme-Kategorie' Altkleidern machen ( wozu auch Vintage gehört) , wenn sie selbst an die Endkunden verkaufen, verkaufen sie selten an andere Shops weiter. Die Deutsche Kleiderstiftung (karitativ) verkauft coole Vintage Ware zb. via. Rack'N White und die SOEX (kommerziell) via PicknWeight. In Deutschland gehen viele Spenden, an die großen Sortierungen, die eben selbst Läden haben und verkaufen.


Deswegen kaufen die kleinen neuen Secondhand & Vintage Shops nicht selten ihre Ware aus dem Ausland. Viele Vintage-Wholesale Unternehmen sitzen in Großbritannien, was kein Zufall ist. (Ich habe bei drei Wholesale-Unternehmen nachgefragt, woher sie ihre Ware beziehen, habe aber keine Antwort erhalten. Aus einigen Quellen weiß ich, dass diese nicht zufällig in Großbritannien sitzen. In der angelsächsischen Kultur wird gerne gespendet und da die gespendete Ware wird in ehemaligen britischen Kolonien, vor allem nach Pakistan zum sortieren geschickt. Nicht selten, laufen in Pakistan (oder auch in Ost-Europa) die gesammelten "Spenden" mit illegalen Sammlungen zusammen. Dort werden sie unter fragwürdigen Bedingungen sortiert und an Kunden im nördlichen Westen zurückgeschickt (die amerikanischen Sortierungen finden zumeist in Mexiko statt).

Auch Wholesale Vinatge, ein Berliner Unternehmen, mit dem ich im letzten Jahr ein Interview hatte, wollte mir nicht klar sagen, woher die Sachen kommen. Ich möchte hier niemandem etwas unterstellen, aber die Intransparenz, der des Wholesales gibt eben viel Raum zur Spekulation.


Das Dilemma


Deswegen frage ich mich schon, ob die Intranzparenz,die man der Fast-Fashion Branche vorwirft, auch schon in den Secondhand Markt voll eingezogen ist? Und man kann es keinen wirklich überl nehmen, weil ihr Erfolg tatsächlich von der Besten Quelle abhängt, weswegen man sie nicht so einfach preis gibt. Intranzparenz führt aber zu Misstrauen. Also gar keine einfache Entscheidung ob man lieber transparent ist, aber dann Gefahr läuft seinen Wettbewerbsvorteil zu verlieren oder intranzparent und Raum für Spekulationen über die unethische Beschaffung lässt.


Bild: by Alina Betge zeigt das Lager von VinoKilo ( Quelle: Instagram)


Klar dagegen ist, umso beliebter die Ware wird, desto mehr Akteure zieht es in diesen lukrativen Bereich. Akteure, die nicht nur Wohltätigkeit und Nachhaltigkeit auf der Agenda haben. An den Endkunden wir am Ende aber nicht durch große Gesichtslose Konzerne verkauft, sondern über ganz sympathische junge Leute in Deutschland, die Secondhand als Lifestyle und Nachhaltigkeit kommunizieren. Was ja auch nicht ganz falsch ist, aber eben nicht die ganze Geschichte.


Der Trend mit dem Secondhand & Vintage Wholesale wird wohl in den nächsten Jahren noch weiter wachsen, solange Leute noch gute Kleidung Spenden und bis die ReCommerce-Unternehmen eine Lösung für den Ankauf für Vintage Ware gefunden haben.


Vor diesem Artikel habe ich eine kleinen annonyme Umfrage zu dem Thema bei jungen Vintage Shop Besitzern gestartet.


Fast 60% der Teilnehmer waren zwischen 18-22 Jahre alt. 80% beziehen auch Ware von Wholesale-Unternehmen. 60% wissen nur teilweise oder gar nicht, woher die Ware genau kommt. Ca 70% kauft vorsortierte Ballen per Kilopreis. Diese Angaben sind aber mit vorsicht zu genießen, da die Stichprobe klein war und nicht representativ. Deswegen versende ich die Umfrage nocheinmal. Falls ihr jemanden kennt, oder selbst einen Vintage Shop betreibt, sendet mir bitte die Email via Instagram. Die Umfrage ist annonym.