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dontlabelme: Warum Upcycling aktuell um seine Daseinsberechtigung kämpft!

Eine funktionierende Kreislaufwirtschaft in der EU, das ist die große Vision! Die Mode versucht ihren Platz in dem neuen System zu finden und viele Designer, Kreative und Innovationstreiber arbeiten daran, was Teil dieser zirkulären Revolution werden soll. Sinah Schlemmer, die Gründerin des Studio Amaran Creative, ist überzeugt davon, dass Upcycling bei einer kreislauffähigen Textilwirtschaft eine wichtige Rolle spielen kann. Allerdings muss Upcycling in der aktuellen EU Textilstrategie und insbesondere wegen der EU Textilkennzeichnugsverordnung (TKVO) derzeit um seine Daseinsberechtigung kämpfen. Sinah erklärt uns warum dieses Thema gerade jetzt so wahnsinnig wichtig ist und wie wir ihre Initiative dontlabelme_EU unterstützen können.


Sinah, Initiatorin von dontlabelme_EU, fotografiert von Anastasiia Priz

Sinah, erklär uns direkt, was ist die Textilkennzeichnungsverordnung und warum ist sie ein Problem für Upcycler*innen?

"Nach Art. 14 der Europäischen Textilkennzeichnungsverordnung Nr. 1007/2011 (TKVO) müssen Textilerzeugnisse mit einem Gewichtsanteil an Textilfasern von mindestens 80% bezüglich ihrer Faserzusammensetzung physisch etikettiert oder gekennzeichnet werden.” Bei Mischgeweben muss die Zusammensetzung nach Prozentanteilen aufgeschlüsselt werden.

An sich ist diese Transparenz für Verbraucher*innen eine gute Sache, allerdings für Upcycling Designer*innen so gut wie unmöglich umzusetzen! Die verwendeten Altkleider und vor allem Stoffreste, sind fast immer ohne Kennzeichnung und Hersteller-Etikett. Zusätzlich erschwert die Art des Designs beim Upcycling, z.B. Patchwork-Technik und die Verwendung von vielen unterschiedlichen Reststoffen, das Kennzeichnen des Kleidungsstückes. Oft sind Upcycling Teile Unikate, was bedeutet, dass für jedes Teil ein anderes Etikett hergestellt werden müsste, mit Aufschlüsselung der jeweiligen Faserzusammensetzung. Also fast unmöglich, das in der Praxis umzusetzen.



Du selbst hast 2020 dein Label Studio Amaran Creative gegründet, was hat dich dazu motiviert und wie kam es dazu?

Das ich Upcycling mache, ist eher aus einem kreativen Moment heraus entstanden. Während meines Modedesign-Studiums musste ich immer wieder Probestücke anfertigen, die nach der Bewertung nicht mehr gebraucht wurden. Statt immer wieder neuen Stoff dafür zu kaufen, schnappte ich mir zum Beispiel ein altes Bettlaken. Das Ergebnis war so schön, dass ich fortan nur noch mit gebrauchten Textilien und Stoffen arbeiten wollte! Ich habe eine regelrechte Abneigung gegen neue Stoffe entwickelt. Alte Stoffe sind viel interessanter! Jeder Stoff, jedes Kleidungsstück erzählt eine Geschichte! Ich finde, das sieht man Upcycling Kleidung auch an! 2020 bekam ich immer mehr Anfragen und beschloss die Gründung meines Labels. Mein Ziel war es damals und ist es auch heute noch, Menschen mit kreativer und ausgefallener Mode zu begeistern. Mode, die sich weder einem gewissen Stil, noch einer gewissen Zeit zuordnen lässt und als Nebeneffekt auch noch extrem nachhaltig ist!


Sinah, Studio Amaran Creative, Foto von Johanna Link
Wann ist dir das Problem mit der Textilkennzeichnung aufgefallen?

Eigentlich ziemlich schnell, nachdem ich meinen Online-Shop eröffnet habe. Anfang/Mitte 2021. Ich war erst so voll mit “kreativem” Enthusiasmus, dass ich das Thema Textilkennzeichnung nicht wirklich auf dem Schirm hatte. Eine Freundin fragte mich dann, ob man Upcycling-Mode auch kennzeichnen muss. Ich war mir absolut sicher, dass es dafür eine Ausnahmeregelung geben muss! Schliesslich ist Second-Hand Ware ja auch von der Textilkennzeichnungspflicht befreit. Nachdem ich aber mit Rechtsexpert*innen der Handwerkskammer Kontakt aufgenommen hatte, sowie mit mehreren Rechtsanwält*innen, war schnell klar, dass die aktuelle TKVO tatsächlich keine Ausnahme für Upcycling Kleidung vorsieht. Auch Ausnahmen oder Sonderregelungen, die auf den ersten Blick auf Upcycling-Mode angewendet werden könnten, scheiden bei genauerer Lektüre leider aus. Es war ein wirklicher Schock für mich und Game Changer! Mir war klar, dass ich, wenn sich da nichts ändert, mein Geschäft nur sehr schwer weiterführen bzw. ausbauen kann!

Ich habe in den letzten Jahren so viele Kleider- und Stoffspenden bekommen von Menschen die mir ihre Schätze anvertraut haben, die ihre Sachen nicht einfach in die Altkleidersammlung stecken wollten, sondern wollten, dass daraus noch etwas schönes entsteht. Das ihre Stoffe “weiterleben”. Mit der jetzigen Verordnung kann ich bestimmt über die Hälfte dieser Stoffe nicht benutzen! Einfach weil ich die Faserzusammensetzung der einzelnen Stoffe nicht bestimmen kann. Es ist eine Schande!




Wie lange beschäftigst du dich schon damit?

Letztes Jahr habe ich das erste Mal von der neuen “EU Strategie für nachhaltige und kreislauffähige Textilien” gehört und das die EU-Kommission mit dieser Strategie vor hat, weltweit zum, Zitat: “Wegbereiter für nachhaltige und kreislauforientierte Textilwertschöpfungsketten” zu werden! Die Überarbeitung der TKVO wird ebenfalls erwähnt. Für mich war klar: Hier gibt es eine Chance etwas zu verändern! Letztes Jahr im August habe ich dann versucht, mit Delara Burkhardt (verantwortliche im EU Parlament für eine nachhaltige Textilstrategie) in Kontakt zu kommen. Bis jetzt habe ich leider nicht direkt mit ihr sprechen können, nur mit Leuten aus ihrem Team. Obwohl ich während der Gespräche Verständnis und Zustimmung erfahren habe, kam es mir trotzdem leider so vor, als möchte oder könne man sich dieser Problematik nicht stellen. Auch in dem kürzlich von Delara Burkhardt vorgestellten Initiativbericht, dem der EU-Umweltausschuss am 27.04.23 zustimmte, wird nichts erwähnt zum Thema Upcycling bzw. Förderung von Upcycling. Schade, denn dieser Bericht dient der EU-Kommission bei der Entwicklung von Gesetzesvorlagen! Auch auf Anfrage bei anderen Politiker*innen bzw. Fraktionen (u.a. bei den Grünen), warum Upcycling nicht Teil des Initiativberichtes ist, erhielt ich entweder überhaupt keine Antwort, oder die Antwort das man: ”Stand jetzt keinen Handlungsbedarf sieht” aber in Zukunft darauf achtet, dass Upcycling beachtet wird.


Was sind nun konkret deine Forderungen?

Mit dem Launch meiner neuen Kollektion im März diesen Jahres, startete auch meine Initiative: DON’T LABEL ME! (Etikettier mich nicht!). Eine Initiative mit der klaren Forderung:

  1. Upcycling Kleidung, genauso wie Second-Hand Kleidung, von der Textilkennzeichnungspflicht befreien

  2. Upcycling als festen Bestandteil des EU-Wiederverwendungssektors anzuerkennen und zu fördern

Warum ist das Thema gerade jetzt so wichtig?

Dieses Jahr (genaues Datum steht noch nicht fest) soll im Rahmen der neuen EU-Textilstrategie auch die Textilkennzeichnungsverordnung überarbeitet werden. Das bedeutet, es besteht JETZT die Chance, im Rahmen der Überarbeitung eine Gesetzesänderung zu bewirken. Hier MUSS in Zukunft die Verordnung einen Zusatz für Kleidung vorsehen, die aus gebrauchten Textilien hergestellt (upgecycelt) wird. Ansonsten wird Upcycling in der EU keine Zukunft haben! Ist die neue Verordnung erst einmal verabschiedet, wird es so schnell keine Chance mehr geben, hier etwas zu verändern! Deshalb muss JETZT gehandelt werden, um diese Chance nicht zu verpassen!



Glaubst du es würden sich mehr Designer*innen mit dem Thema Upcycling beschäftigen, wenn ihm die EU Textilstrategie mehr Beachtung schenken würde?

Ganz klar: ja! Wenn die EU die Herstellungsmethode Upcycling bzw. Refashion fördern würde, würden bestimmt mehr Designer*innen und Unternehmen sich damit beschäftigen. Zur Zeit ist ja leider das Gegenteil der Fall: Durch die aktuelle TKVO verhindert man ja regelrecht das Upcycling Kleidung in grossem Masse hergestellt wird!


Was ist deine Vision für Upcycling 2030 und warum ist es dir so wichtig?


Meine Vision ist es, dass Upcycling Mode zum Trend wird! Der Anfang ist gemacht, die Nachfrage nach Upcycling Mode steigt derzeit! Ich denke nur wenn Upcycling sich als Trend etabliert, kann man viele Menschen dazu bewegen, nachhaltig und kreislaufbewusst einzukaufen! Mode soll ja Spass machen! Wenn man immer nur mit Restriktionen und dem erhobenen Zeigefinger auf Menschen zugeht, dann denke ich, wird man immer nur einen kleinen Teil erreichen - Menschen die eh schon überzeugt sind, aber nie die Masse! Die EU hat sich als Ziel gesetzt, bis 2030 ein “florierendes kreislauforientiertes Textilökosystem in der EU zu etablieren”. Das Konzept ist allerdings, meines Erachtens nach, nicht zu Ende gedacht. Denn wie sollen all diese Altkleider und Reststoffe recycelt werden? Alleine mit Faser zu Faser Recycling? Dazu kommt noch die neue EU-Abfallverordnung. Bis zum 1. Januar 2025 sollen alle Mitgliedstaaten getrennte Sammlungen für Textilien einführen. Das bedeutet, es werden noch mehr Textilabfälle EU-weit gesammelt und Niemand weiss wohin damit! Wir haben aktuell schon ein riesen Problem mit Altkleidern. Die Sammelstellen platzen aus allen Nähten und die Lösung ist oft der Export von gebrauchten Textilien nach Osteuropa, Afrika und teilweise sogar bis nach Südamerika. Dort kann man mit der Flut von “Textilabfällen” auch nur bedingt etwas anfangen. Häufig landet diese Kleidung dann auf Müllkippen oder wird mitten in der Natur illegal “entsorgt”. Warum wird Upcycling also von der EU nicht als Teil der Lösung in Betracht gezogen und als fester Bestandteil des Wiederverwendungssektors anerkannt und gefördert? Wir sollten wirklich ALLE Herstellungsmethoden berücksichtigen, die uns dabei helfen können, eine textile Kreislaufwirtschaft in der EU zu etablieren! Ich bin der festen Überzeugung, dass viele kleine Upcycling-Labels und Unternehmen maßgeblich dazu beitragen könnten!


Wie können wir helfen, das Thema an die richtigen Stellen zu bringen? Was ist jetzt zu tun?

Das Wichtigste ist, dass das Thema Aufmerksamkeit bekommt! Vielen ist die Problematik nicht bewusst, auch Brancheninterne sind oft überrascht! Aber wenn ich davon erzähle, stimmt man mir eigentlich immer zu, dass sich hier unbedingt etwas ändern muss! Meine Reichweite ist leider begrenzt. Nur wenn das Thema mehr Aufmerksamkeit bekommt, kann es Teil der Debatte werden und hoffentlich Politiker*innen sowie Branchenverbände und NGO’s dazu bewegen, sich für die Zukunft von Upcycling einzusetzen! Leider ist das bis jetzt noch nicht der Fall! Jeder/jede Einzelne kann dabei helfen, das Thema zu verbreiten, durch Social Media (Posts/Reposts), aber auch “Word of Mouth”, generell im Web/Blogs oder es zum Thema machen bei Events, Panel Talks und Podcasts! Presse ist natürlich auch wichtig! Da hatte ich auch schon gewisse Erfolge, aber es muss noch mehr werden! Auch wenn jemand vielleicht Kontakte hat zu Menschen, die Einfluss nehmen könnten, z.B. Politiker*innen oder Branchenverbände, NGO’s… Wenn jeder sein Netzwerk nutzt, zusammen, kann man bestimmt was erreichen! Es ist ja eigentlich ein einleuchtendes Problem, wenn nur die Richtigen davon wissen würden! Die Chance, dass sich 2023 im Rahmen der Überarbeitung etwas verändert, darf nicht verpasst werden!




Vielen Dank dir liebe Sinah, dass du uns dieses Problem so ausführlich beschrieben hast! Ein klarer Call to Action an alle Upcycler*innen da draußen sich mit Sinah zu vernetzten und das Thema an relevante Entscheidungsträgerinnen heranzutragen. Auch wir als Rebound Stuff werden versuchen dieses Thema weiter nach vorne zu bringen!

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