Ein Jahr ohne Zeug - das Gesellschaftsspiel von Christiane und Benjamin von genug.org

Als ich mein Rebound Stuff Projekt begann, habe ich natürlich auch gegoogelt, ob es so etwas schon gegeben hat, also ob Menschen ohne Neuware gelebt haben.

Und ja, es hat so einige gegeben. Vor allem sind es viele gewesen, die versucht haben, Konsum zu minimieren. Einige wie ich, die es ein Jahr lang gemacht haben. Auffällig war, dass bei dem Versuch, Konsum zu minimieren, oft eine absolute Regel festgelegt wurde: Kaufvermeidung, sie haben versucht, gar nichts zu kaufen. Dinge die sie gebraucht haben, wurden geliehen oder ertauscht. Eine Organisation, die mir besonders aufgefallen war, ist genug.org. Schon im Februar hatte ich mich mit Christiane, der Initiatorin der Organisation getroffen, um mir ihre Geschichte anzuhören und eventuell ein paar Tipps für das Jahr abzustauben. Gegen ihr Vorhaben gehört mein Projekt eher in der Kategorie: netter Zeitvertreib. Sie hat nämlich sechs Jahre ohne irgendetwas zu kaufen gelebt und gründete sogar einen Verein für ihre Idee. Am 5.02. traf ich sie in einer Pizzeria in Neukölln.


Christiane Schwausch, Mit-Gründerin von genug.org


Wie ist es dazu gekommen, dass du den Entschluss gefasst hast, nichts mehr zu kaufen?

Wir, also Ben Toussaint und ich, haben beide im entwicklungspolitischen Kontext gearbeitet und wahrscheinlich aus dem gleichen Beweggrund mit diesem Projekt begonnen. Wir waren täglich mit dem umgeben, was in anderen Länder passiert, was dort gemacht wird und was die Menschen dort zum Leben zur Verfügung haben. Man kann nicht übersehen wie, ja fast imperial, der Konsum vom Westen dirigiert wird und die Produktion und alles andere in solchen Ländern diesem Diktat folgt. Es wird produziert, was wir im Westen brauchen. Natürlich möglichst billig und das wird dann um die ganze Welt geschifft. In mir entstand dieses Gefühl, dass egal was ich mache, ich immer etwas ‘Blut’ an den Händen habe. Und da ist das schlechte Gewissen vorprogrammiert. Meine Lösung in dem Moment war es, den Entschluss zu fassen, einfach mal ein Jahr bei diesem Spiel nicht mehr mitzumachen und nicht zu konsumieren. Ich wollte mir ein Jahr Pause gönnen von dem ständigen schlechten Gewissen und auch schauen, ob der ganze Konsum nötig ist, oder ob es auch genauso gut ohne geht. Wir haben dann zu zweit dieses Projekt begonnen.

Und wie kam es dazu, dass dir dann so viele gefolgt sind?

Ich habe einer Freundin davon erzählt. Die war eher erstaunt und stellte viele Fragen. Wir unterhielten uns dann eine ganze Weile darüber, so zwischen Tür und Angel draußen im Winter. Sie meinte dann, ich müsse da eine Kampagne oder etwas Ähnliches daraus machen, weil meine Beweggründe gute Denkanstöße für andere sein können. Also haben wir bei Facebook eine Gruppe erstellt und ein paar Freunde eingeladen, mitzumachen. Das war in der Weihnachtszeit 2013. Mit Photoshop haben wir, eher schlecht als Recht, einen Adventskalender gebastelt, der Leute inspirieren sollte, mitzumachen. Anfang 2014 waren die Leute dann inspiriert genug, mitmachen zu wollen. Auf einmal waren es tausend Leute.

Woran denkst du lag es, dass so viele Leute mitmachen wollten?

Ich denke es hat den Nerv der Zeit getroffen. Das war gerade noch vor dem Hype um Minimalismus und Leute beschäftigen sich zum Neujahr aber gerade mit solchen Grundsatzfragen. Nach Weihnachten ist man auch etwas überwältigt von dem ganzen Konsum.

Ich habe dann bei FB weiter Informationen eingespielt und das hat den Leuten gefallen. Ich wollte, dass die Leute während dem Jahr auch etwas Programm haben und kleine Zwischen-Challenges. Aber generell war der Erfolg wohl, dass es klare Regeln gab und ein Jahr ein überschaubarer Zeitrahmen war.

Hattet ihr damals das Ganze schon wie ein Gesellschaftsspiel aufgebaut?

Ja, wir wollten es etwas spielerisch gestalten und über Facebook auch neue Informationen aus dem Bereich teilen. Wir haben relativ schnell ein hohes Interesse bemerkt.

Hier die Regeln für euch:


REGELN:

  • Ganz einfach: Ab dem 1.1. wollen wir – als wirklich guter Vorsatz für’s neue Jahr – 365 Tage lang auf das Kaufen von „Zeug” verzichten. Stattdessen wollen wir leihen, tauschen, finden, reparieren und upcycling.

  • Mit “Zeug” meinen wir GEbrauchsgüter, also in der Regel Anschaffungen, die für einen längeren Zeitraum getätigt werden und die, abgesehen von Abnutzungserscheinungen, ihre Form nicht verändern (Klamotten, Handy, Möbel).

  • Mit “Zeug” meinen wir nicht VERbrauchsgüter, also Güter die durch Benutzung aufgebraucht werden (Essen, Trinken, Shampoo). Dies ist kein Hungerstreik.

Spielausnahmen

  • Waaas? Ein ganzes Jahr lang keinen einzigen Gegenstand kaufen?

  • Nicht ganz! Jedem stehen zwei Joker zur Verfügung. Die kann man ziehen, muss man aber nicht. Wahrscheinlich ist es gut, sie für „Notfälle“ aufzuheben. Der Kauf von zwei Gegenständen ist also erlaubt; Größe und Preis spielen dabei keine Rolle.

Also ihr habt das richtig als Community aufgezogen?

Ja, aber der Austausch war eher gering. Die Leute haben gelesen und geteilt, aber das Engagement war eher gering. Allerdings habe ich ein paar direkte Nachrichten bekommen.

Kontrolliert da jemand, wer in dem Jahr mitmacht und wisst ihr, wie viele da mitmachen?

Nein. Aber am Anfang haben viele mit uns angefangen, oder uns begleitet. Wir haben dann später sogar von Leuten gehört, die das 4 Jahre durchgezogen haben, die uns während dieser Zeit weder online noch offline je begegnet sind. In Hessen war eine Dame sehr engagiert, die ist uns erst aufgefallen, als sie über das Projekt Interviews bei Zeitungen gegeben hat.

Machen viele Berliner mit?

Nein. Ich würde sagen eher nicht so „groß-urban“. Häufig Frauen zwischen 25-45 in kleineren Städten.

Also Fridays for Future ist noch nicht bei euch angekommen.

Nein.

Bei euch ist Gebrauchtes kaufen ja nicht erlaubt. Also ich wäre bei euch schon ganz raus.

Ja bei “dem Jahr ohne Zeug” hat man zwei Joker-Käufe, aber ansonsten darf man wirklich nichts kaufen. Wenn man kaufen muss, dann so nachhaltig wie möglich, und das wäre dann gebraucht kaufen. Meinen Laptop habe ich von einem Joker gebraucht gekauft.

Und wie lange hast du das durchgezogen?

Sechs Jahre.

Nach sechs Jahren steht man dann auch vor gewissen Hürden. Ich z.B. brauchte dringend Unterwäsche. Die habe ich mir dann gekauft als ich aufgehört habe. Dafür hätte ich aber nie einen Joker verwendet.

Hast du in 6 Jahren keine Unterwäsche gekauft?

Nein. Gute Unterwäsche ist langlebig.

Also war die Unterwäsche der Grund, weshalb du aufgehört hast?

Nein, es war wegen einem gebrauchten Regal. Ich brauchte eins und ich hätte keins so bauen können, dass es meinen Ansprüchen genügt hätte. Nach 6 Jahren habe ich also aufgehört mit den strengen Regeln. Aber in diesen sechs Jahren habe ich mir so einige handwerkliche Fähigkeiten angeeignet. Vorher konnte ich z.B. nicht nähen. Und mein Blick für den Straßenrand hat sich geschärft. Meinen Freundeskreis habe ich sensibilisiert, erst andere zu fragen, wenn man etwas braucht. Oft hat es jemand etwas unverwendetes in der Schublade. Mittlerweile sortiert keiner meiner Freunde einfach aus und gibt es weg, jetzt wird es in Kisten gepackt und man fragt erst die anderen, ob sie etwas davon brauchen. Das ist bei mir alles nicht im Internet passiert, eher im echten direkten Umfeld.

Wie hast du das geregelt, wenn du wirklich etwas gebraucht hast?

Man hat ja die zwei Joker wenn man etwas braucht. Da kann man sich ja schon überlegen was einem wichtig ist und man kann die Regeln für seine eigenen Bedürfnisse ja etwas aufweichen. Nicht jeder muss das so streng machen wie ich. Als ich anfing war ich selbständig und ohne meinen Laptop wäre nichts gegangen. Deswegen habe ich z.B. immer einen Joker für einen Laptop aufgehoben.

Und dann habt ihr einen Verein gegründet. Wie kam es zu der Entscheidung?

Wir, Ben und ich, sind beide politisch aktiv. Als Einzelperson hast du aber Grenzen in dem, was du bewegen kannst. Wir fanden es interessant, politisch stärker mitwirken zu können. Wir wollten eine Struktur haben und eventuell auch mal bei einer Ausschreibung mitmachen oder uns mal um Fördergeld bewerben um den Verein auszuweiten, z.B. durch eine neue Website.

Organisiert ihr euch über den Verein? Leiht ihr euch Dinge aus?

Wir wollten eigentlich das Spiel weiterentwickeln, sind dann aber tatsächlich in Neukölln lokal tätig geworden. Unser Verein organisiert des Umwelt- und Nachhaltigkeitsfest mit der Bezirksverwaltung. Das hat viel Zeit in Anspruch genommen. Wir fanden es aber gut, etwas lokales zu machen und direkt vor Ort etwas zu bewirken. Wir haben es uns zum Ziel gesetzt, suffizientes Verhalten zu fördern. Auf dem Event haben wir immer einen Tauschmarkt, eine Station, bei der du dich über Verleih informieren kannst und über andere Angebote, die ein suffizientes Leben ermöglichen. Und so organisieren wir auch das Fest: mit allem was schon da ist. Von der Bierbank bis zum Schirm.

Du hast gerade das Wort Suffizienz verwendest. Was meinst du damit?

Mit Suffizienz meine ich, dass wir überdenken müssen, was wir tun, nicht wie wir etwas tun. Nicht effizienter arbeiten, sondern vielleicht mal weniger Arbeiten, nicht nachhaltigere Produkte konsumieren, sondern weniger konsumieren. Das ist die schnellste und einfachste Lösung, die gerade möglich ist, das Rad zu stoppen, die Welt nachhaltiger zu gestalten.

Im Endeffekt ist Suffizienz die Frage: Wie viel ist genug?

Und jetzt mal ehrlich, gab es in den sechs Jahren keine Lust etwas zu kaufen, hat sich das bei dir ganz abgeschalten?

Ich habe das Gefühl, ja. Ich habe mich selten an die Orte begeben, wo es um Konsum ging.

Vielleicht ist mir das leichter gefallen, weil ich aus einem Dorf bin. Und aus dem Osten.

Andererseits: Wenn ich mir etwas gönne, gehe ich sowieso eigentlich lieber in die Kneipe oder in den Bio-Supermarkt als in einen Laden. Lass es mich so sagen, ich habe mich nicht in Gefahr begeben und eher ferngehalten.

Als ich aber vor ein paar Wochen wieder einkaufen war, war ich übermannt von den ganzen Waren und Angeboten. Ich hatte sofort dieses Gefühl: ‘Wow, aus diesem Grund habe ich mit einem Jahr ohne Zeug begonnen. Dein Kopf will etwas Neues. Aber es muss nicht neu produziert sein, es muss eben nur für dich neu sein. Deswegen habe ich während der Zeit begonnen, Dinge umzugestalten.

Wie hast du das aber mit Material geregelt?

Ich hatte Gottseidank noch viel, weil ich vorher schon viel gehandwerkt habe. Aber bei so einem Experiment bekommt man eben auch raus, was einem wichtig ist. Für den einen mag das eine Matratze sein, für den anderen der Laptop, für den anderen ein Kleid.

Was auch gut ist, wenn man ein Jahr nicht konsumiert: man entwickelt ein Auge für Qualität. Für Stoffe, aber auch anderen Dinge. Oder findet heraus, was der Unterschied zwischen Stil und Fashion ist.

Es gibt viele politische Regeln, die den Kauf von Neuem begünstigen. Diese müssen kurzfristig geändert werden. Z.B. wenn es sich steuerlich lohnt, einen Firmenwagen jedes Jahr zu wechseln, oder die Smartphones nach drei Jahren. Da stimmt etwas nicht.

Ich habe versucht, erst die Sachen aufzubrauchen und habe dann am Ende die Regeln aufgeweicht. Beispielsweise hatte ich nach einem Jahr keine Zahnbürsten mehr und nach dem ganzen Nähen, hatte ich jeglichen schwarzem Nähgarn von mir, meiner Mutter und Freunden aufgebraucht. Da habe ich nochmal definiert was „Zeug“ ist. Die Zahnbürsten habe ich dann als nachhaltige Version auf Bambus gekauft und Nähgarn, Reißverschlüsse und so dann hauptsächlich im Tauschladen besorgt. Aber mein Tipp ist: immer erst Freunde und Familie fragen, bevor man etwas kauft. Meistens hat jemand noch etwas. (Sie zeigt ihr iPhone 4S ) Das Handy habe ich von einem Freund. Es ist alt, aber funktioniert. Es hat keinen Wiederverkaufswert, deswegen lag es unverwendet in der Schublade und wurde noch älter…. Bis ich gefragt habe.

Wo soll die genug.org hin?

Derzeit versuchen wir, den ‘Suffizienz Gedanken’ auf Anderes als nur Konsum auszuweiten. Den Verein haben wir uns in dem Rahmen ein bisschen als „Experimentierraum“ vorgestellt, wo man für eine Zeit austesten kann, wie es anders sein könnte und von dort vielleicht anfängt weiterzudenken. Zum Beispiel: Ein Thema das uns derzeit wichtig ist – u.a. mit dem Projekt „Tag des guten Lebens“ hier in Neukölln – ist Mobilität. Ich habe lange in Brüssel gelebt, dort gibt es autofreie Sonntage – wieso gibt es das hier selten bis gar nicht? Da kann man schön erleben, wie eine Stadt funktioniert und sich anfühlt, wenn auf den klimaunfreundlichen Ressourcenverbrauch und Emissionsausstoß mal für ein Weilchen verzichtet wird. Und was an Lebensqualität hinzugewonnen werden kann – Platz, Luft, sichere Spielräume für Kinder, und und und. Und dann ist man vielleicht motiviert zu lernen, welche Alternativen im Bereich Mobilität es gibt und wie man die bei sich umsetzen könnte. Eben weil man schon einmal erlebt hat, wie es anders sein könnte. Eigentlich will ich noch in meiner Lebenszeit einen autofreien Berliner-Ring sehen.

Was möchtest du meinen Leser mitgeben?

Teilt und tauscht mehr!

Und ersetzt „kaufen“ mal für ein Weilchen durch „machen“ und „lernen“. Fangt bei euch selbst an und erzählt dann anderen davon. Und engagiert Euch politisch – und wenn es nur darum geht, was vor Eurer Haustür anders sein könnte.

Dieses Interview habe ich noch gemacht, bevor ich das erste mal von Corona-gehört hatte. Ich denke während der letzten zwei Monate haben wir alle gesehen, was es heißt nicht ständig in Läden der Kaufverlockung zu erliegen. Vielleicht kehren wir jetzt bedachter in die Läden zurück und haben ein besseres Gefühl dafür, was genug ist und was uns wichtig ist. Vielen Dank Christiane Schwausch für dieses Interview und die Anregungen.

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