Eine neue Instagram-Secondhand Fee am Himmel: Nora von Honest Secondhand


Als ich vor einigen Wochen damit anfing, mich mehr auf Instagram zu fokussieren, sind mir viele Accounts aufgefallen, die mehr oder weniger nur über Instagram Secondhand Kleidung verkaufen. Die meisten davon aus der Schweiz. Wahrscheinlich vor allem, da viele größere Secondhand Shops nicht in die Schweiz liefern, wegen des Zolls und den Portos. In dem Zusammenhang ist mir ein Account aber geradezu positiv aufgefallen und der war aus Österreich. Ich habe bemerkt, dass er schnell, sogar sehr schnell wächst, ich habe ihn fast täglich besucht und gesehen, wie er in wenigen Wochen von 27 auf über 1000 Follower gewachsen ist. Der Account ist super schön gemacht und viele der Kleidungsstücke waren echte Vintage Pieces, die gut in Szene gesetzt wurden. Das Gesicht des Models wird aber nie gezeigt und somit wuchs meine Neugier herauszufinden, wer sich dahinter verbirgt.


Vor ca. zwei Wochen hatte ich dann die Person, samt Gesicht, die hinter dem Account steckt für ein Interview via Zoom gewonnen. Nora Kohlmayr betreibt den Instashop Honest Secondhand und seit ein paar Tagen auch einen dazugehörigen Online Shop . Und so manches was ich vorher über den Shop vermutet hatte, stellte sich als unwahr heraus. Nora ist nicht eine weitere Abiturientin, die im Sommerloch mit einem Secondhand Instashop ihr Urlaubsbudget verbessert, sie ist aber auch jemand, der dort am Anfang die eigenen Kleider verkaufte. Nora ist Model, hat Wirtschaft studiert, arbeitete zuletzt als Yogalehrerin in Kapstadt und ist fast 30 Jahre alt. Das der Instagram Account so schnell wuchs, war also kein Zufall, denn Nora weiß genau, was sie da tut.





Nora, wie bist du dazu gekommen einen Instagram Shop zu starten?


Ich war die letzten 10 Monate in Kapstadt, da mein Freund dort wohnt. Wir sind erst vor 2 Wochen wieder nach Österreich gekommen, als die Situation wegen Corona dort unten zu riskant wurde. Eigentlich bin ich Yogalehrerin, aber durch den Lockdown konnte ich in den letzten Monaten keine Stunden mehr geben. Viele Kollegen sind dann auf Digitales-Yoga umgestiegen, aber das hat mir gar nicht entsprochen. Ich wusste, ich muss mir etwas Neues überlegen. Als wir dann die Entscheidung getroffen hatten, erstmal wieder nach Österreich zu gehen, habe ich begonnen, meine eigenen Sachen per Instagram zu verkaufen. Ich wollte nicht alles wieder mit zurück bringen. Und wegen dem Lockdown musste ich es ja irgendwie digital machen, also habe ich den @honestsecondhand Instagram Account ins Leben gerufen. Am ersten Tag hatte ich dann schon etwas verkauft – das gefiel mir und ich war hooked. Das war Ende Mai.


Und wie ging es dann weiter?


Ich habe dann alle meine Sachen dort verkauft und darauf die von Freundinnen, die auf mich zugekommen sind. Und das hat sich gesteigert. Es läuft gut, sonst würde ich es auch nicht machen und es macht mir Spass. Ich habe neben meinem Studium an der Wirtschaftsfakultät früher schon gemodelt, das Posing und das Kreative dahinter kann ich und macht mir viel Spass. Ich war auch schon immer Fashion affin und hatte ein gewisses Faible zu Vintage. Früher wollte ich nie etwas tragen, was andere anhaben aber ich hatte auch nicht viel Geld, also habe ich eben schon früh Secondhand gekauft.


Was ist das Besondere an deinem Shop, wie hebst du dich von den anderen ab?


Ich bin gerade noch am experimentieren, aber der Shop soll mich widerspiegeln. Die Lust an Kleidung mit Fokus auf das Kleidungsstück, deswegen habe ich mich entschieden mein Gesicht nicht zu zeigen. Es soll nicht um mich als Person gehen. Ich will nicht, dass jemand ein schönes Teil sieht und denkt, es würde nur jemanden mit meiner Haarfarbe stehen. Auch bei den Größen mische ich ziemlich durch. Ob man etwas weit oder eng anzieht ist Geschmack und ich zeige auch gerne Teile, die mal eine XL oder 42 sind. Bei den Vintage Sachen hauen die Größen ja eh nie wirklich hin.


Also dein Gesicht bleibt versteckt, aber dein Körper, mit dem vergleicht man sich ja auch irgendwie. Jetzt bist du sehr schlank, denkst du nicht dass sich Menschen damit vergleichen?


Ich will die Marke um Honest.Secondhand, wie der Name schon sagt, ehrlich und transparent aufbauen, und ich will die Kleidung und die Marke nicht mit meiner Persönlichkeit vermischen. Die Leute können gerne meinen Style kaufen, aber müssen nicht meine Person mögen. Ich will kein Influencer werden. Meine Haarfarbe oder Augenfarbe soll ihnen nicht die Vorstellung nehmen, wie es an ihnen aussieht.


Als Model präsentiere ich die Kleidung, weil das einfach besser ist zum vorstellen, als wenn die an der Wand hängt oder am Boden liegt. Ich zeige aber Kleidung die verschiedenen Größen hat, wie die Leute die Kleidung dann tragen, ist ihnen überlassen, ob eng oder weit. Aber ja, die Kundin muss etwas an Vorstellungskraft mitbringen, wie es dann an ihr aussieht. In der Richtung ist auf jeden Fall viel Entwicklungspotential, wenn es um Größen bei Second Hand geht.




Wie würdest du den Style beschreiben? Da sind ja Blusen, die auch von meiner Mutter sein könnten.


Ja, bei Instagram ist es schon eine Zielgruppe, die sehr auf ‘Girly’ und ‘Pretty’ steht. Aber ich glaube, auch für diese eher ‘damentlichen’ Styles gibt es eine Zielkundin und die muss ich noch besser erreichen. Die ist wahrscheinlich nicht bei Instagram.



Hast du vor, Instagram zu verlassen?


Nein, aber ich baue gerade einen passenden Online-Shop auf, damit auch Leute die Sachen finden können, die nicht bei Instagram sind.


Jetzt die Gretchenfrage für jeden Secondhand Shop, woher beziehst du deine Kleidung?


Anfangs habe ich ja nur meine eigenen Sachen und die von Freunden verkauft. Während dem Lockdown konnte ich auch nichts dazu kaufen. Hier in Kärnten, meiner Heimat, kaufe ich die Sachen lokal und selektiv von kleinen Secondhand Läden ein und nehme auch direkt Sachen an. Da suche ich ganz gezielt was ich schön finde und kuratiere es für meine Kunden. In Zukunft könnte ich mir gut vorstellen, dass noch mehr Kunden auf mich zukommen und ich Sachen auf Kommission für die verkaufe.


Unterscheidest du zwischen Secondhand und Vintage?


Ja, ich unterscheide. Ich verkaufe zwar beides, aber der Unterschied zeigt sich im Preis. Die Qualität der Vintage Ware ist einfach viel besser. Die Stoffe fassen sich noch anders an und man weiß, das Teil wird noch in 20 Jahren geil aussehen,nicht wie bei den Fast Fashion Brands, wo sich die Teile fast auflösen. Qualität ist mir wichtig, aber wenn ich etwas Schönes sehe, verkaufe ich es auch, wenn es nicht die allerbeste Qualität hat. Das sieht man dann aber am Preis.


Welche Bedeutung hat deiner Meinung nach Secondhand gerade auf dem Markt im Vergleich zu Fast Fashion?


Der Konsum wird bewusster würde ich sagen. Die Dinge werden genauer betrachtet und hinterfragt. Brauch ich das wirklich? Wie ist es beschaffen oder produziert? Diese Bewegung find ich sehr positiv. Man will bewusster im Kreislauf bleiben, dass man Kleider Secondhand kauft und wieder verkauft und nicht mehr nur neu.


Was machst du mit Ware, die du nicht verkaufst?


Im Retail ist es ja normal, dass es immer etwas Restware bleibt. Damit gehe ich dann hier in Kärnten auf den Flohmarkt und bin froh, wenn es doch noch jemandem gefällt, dann stört es mich auch nicht, wenn es für einen geringen Preis geht.


Muss man deiner Meinung nach modisch sein, um Secondhand kaufen zu können?


Ich denke nein. Jeder hat seinen eigenen Stil und ein Gefühl dafür, was einem gut steht. Ich schau gar nicht auf Trends und was in den Läden gerade hängt. Ein schönes Teil ist ein schönes Teil, egal was das Modediktat gerade sagt.


Was ist der Style von Honest Secondhand?


Noch sind es viele Styles durcheinander würde ich sagen und vielleicht bleibt das so. Viele andere verschreiben sich ganz einer Richtung, aber ich möchte bunt, fröhlich und feminin bleiben. Die Teile sind so unterschiedlich und toll, da möchte ich mich nicht nur einem Style verschreiben.



Kaufst du auch neu bzw. konsumiert du viel?


Ich sehe Konsum als Ganzes, aber in verschiedenen Kategorien: Food, Travel, Home, Fashion …. Und am Ende ist wichtig, wie man das zusammenfasst und empfindet. Ich mag die neuen Bewegungen. Es gibt viele kreative Designer die tolle sustainable Designs machen. Die haben auch einen Platz verdient und der ist wichtig. Nur man hat ja immer beschränkte finanzielle Mittel. Und Sustainable Fashion ist ja nicht gerade günstig oder es gibt nicht so viel Auswahl. Für die, die z.B. lieber mehr Geld in Nahrung stecken, ist Secondhand dann eine gute Alternative, nachhaltiger in der Kategorie Kleidung zu sein.


Wie soll es mit Honest.Secondhand weitergehen, was sind deine Pläne?


Erst den Online Shop schalten und dann mehr tolle Ware für meine Kunden finden.


Danke Nora für dieses tolle Interview. Ich werde deinen Shop weiter genau beobachten. Es ist immer wieder schön zu sehen, wie viel Persönlichkeit und Liebe zu Kleidung in vielen Secondhand Konzepten steckt. Dies durfte ich schon im Interview mit Ursula von Fräulein Kleidsam und Moritz von Peeces erleben. Ich vermute mal, dass viele, die sich mit Secondhand selbständig machen, eine aufrichtige Wertschätzung und Respekt für Kleidung und deren Herstellung haben.