Mending ist, wenn Reparatur ein neues Image gegeben wird

Aktualisiert: 8. Dez 2020


Vor ein paar Wochen war ich zuhause bei meiner Oma. Ich erzählte ihr über mein Rebound Stuff Projekt und an welchen Artikeln ich gerade schreibe. Dabei erwähnte ich das Wort 'Mending'. Sie fragte, was das bedeutet, und schüttelte den Kopf, als ich es ihr erklärte. Sie meinte: “Das ist doch nichts Neues!”


Das englische Wort Mending bedeutet nämlich soviel wie etwas wieder heile machen, je nach Kontext, etwas zu reparieren, zu flicken, zu stopfen oder etwas auszubessern. 'Mending' ist derzeit bei jungen Leuten total angesagt.


Was unsere Großeltern in ihrer Ausbildung gelernt oder von Verwandten gezeigt bekommen und im Alltag schon in jungen Jahren angewendet haben, erlernen wir heutzutage mit Büchern und via Tutorials auf Youtube, Blogs oder Social-Media, statt von unseren Eltern und Großeltern. Vielleicht wächst das Interesse daran wegen Corona, vielleicht auch wegen der Achtsamkeitsbewegung, FridaysForFuture oder wegen Initiativen wie die von Lisa D.: 'Bis es mir vom Leibe fällt' ist ein Verein zur Vermittlung von Textilreparaturtechniken und zur Aufklärung über die Zustände in der globalen Fashion-Industrie. Wahrscheinlich aber wegen allem zusammen: Mending ist Teil der Anti-Wegwerf-Bewegung und gerade einfach aktuell.


Und weil es schwer ist einfach zurückzugehen zu dem Alten, muss zumindest ein neuer Name her. Deswegen verwenden wir jetzt auch im Deutschen immer mehr Jugendliche das Wort ‘Mending’. Das klingt einfach besser als flicken, nähen und stopfen.


Für verschiedene Produktgruppen gibt es wahre Kunstformen der Ausbesserung von kleinen und großen Mängeln. In Japan gilt es geradezu als Kunst, Dinge zu reparieren. Kintsugi zum Beispiel ist eine traditionelle Reparaturmethode aus Japan. Zerbrochenes Keramik wird sichtbar repariert, indem die Bruchstellen nicht kaschiert, sondern durch Gold hervorgehoben werden. So wird dem Objekt noch mehr Wertigkeit verliehen.

Japanese Kintsugi und Denim Mending


Auch in Jeans-Angelegenheiten haben die Japaner einen außergewöhnlich guten Ruf. Ich selbst war in Tokio erschlagen von dem Angebot an Denim, das viel größer ist als nur die ordinären Jeanshosen. Sie sind wahre Meister darin, Denim zusammenzunähen und in etwas Künstlerisches zu verwandeln. Ökologisch lohnt es sich sowieso, eine Jeans zu reparieren, da in einer Jeans im Schnitt 5000 Liter Wasser, ca 4 kg CO2 und sehr viele Arbeitsschritte stecken, bevor sie verkauft und angezogen werden kann. Außerdem ist es auch gar nicht einfach, eine wirklich gut sitzende Jeans zu finden. Es ist also nicht nur für die Umwelt gut, wenn man seine Jeans so lange wie möglich trägt – auch für einen selbst.


In dem Buch “Stich für Stich kreativ reparieren” (im englischen Original: “Mending Matters”) erklärt Katrina Rodabaugh Schritt für Schritt Reparaturtechniken für Denim, die z.B. Risse oder Löcher nicht nur reparieren, sondern das Kleidungsstück durch das Hervorheben des Schadens verschönern. Sie vertritt die Ansicht, dass man jedem Kleidungsstück seine Geschichte ansehen darf.


Es geht in dem Buch also nicht um die Perfektion der Ausbesserung, sondern um die Handarbeit selbst, als qualitativ und sinnvoll genutzte Lebenszeit. Ihre Philosophie bietet eine Anleitung zum achtsamen Umgang mit Kleidung. Und wie das Meditieren kann man Achtsamkeit gegenüber der eigenen Kleidung üben, indem man sich bewusst dazu entscheidet, sie mit den eigenen Händen zu reparieren.


Man braucht lediglich ein paar essentielle Näh-Utensilien für die Techniken von Katrina Rodabaugh – weder eine Nähmaschine noch komplizierte Werkzeuge sind vonnöten. Und erst recht keine Perfektion. Einfache Stickstiche und ein bisschen Kreativität genügen. Dabei geht es nicht nur um das Endergebnis, sondern um die Tätigkeit selbst, die jeder in seiner eigenen Geschwindigkeit ausführt.



Wer also wissen will, wie man kaputte oder beschädigte Jeans durch kunstvolle Flicken ausbessern kann, der findet in “Stich für Stich kreativ reparieren” nicht nur bebilderte Schritt-für-Schritt-Anleitungen, sondern auch eine Anleitung zur Achtsamkeit gegenüber Jeans. Das Buch bietet darüber hinaus auch Reparaturtechniken für Kleidung aus Leinen und Anleitungen, um z.B. eine Leinenhose in einen Schal oder eine Jeans in eine Tasche zu verwandeln.


Ich empfehle dieses Buch allen, die im letzten Lockdown schon genug Brot gebacken haben.

Danke an Sarah Käsmayr für diese Buchempfehlung aus dem MaroVerlag. Sarah ist Verlegerin und Graphikdesignerin. Sie ist ebenfalls ein Teil des Become A-Ware Teams, einem Projekt zur Aufklärung über die Retourenproblematik. Außerdem ist sie eine langjährige Freundin von Lisa D. und 3. Vorsitzende des Vereins 'Bis es mir vom Leibe fällt'.

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