Sachen mit einem Schild "Zu verschenken" auf die Straße stellen - ist das solidarisch oder illegal ?

Aktualisiert: Okt 28


Sebastian Seibel BSR-Abfallberater, zum Thema Abfallvermeidung/Tausch- und Verschenkmarkt erzählte mir, was die BSR von solchen 'zu verschenken' Boxen auf der Straße hält und wie sie mit dem Tauschmarkt eine Alternative dazu bieten.


In meinem Projekt bin ich schon öfter Menschen begegnet, die ein Loblied darauf singen, dass man in Berlin, Dinge die man nicht mehr braucht, einfach auf die Straße stellen kann und dort auch einiges zum mitnehmen findet. Ich kenne fast niemanden in Berlin, der es nicht schon einmal getan hat. Und auch in anderen Städten in Deutschland, so wie ich höre, wird diese Art der Entsorgung immer beliebter, z.B. in Köln. Auch ich bin da keine Ausnahme. Es ist auch zu einfach, etwas das man nicht mehr braucht und nicht verkaufen kann, mit einem Schild ‘Zu verschenken’ auf die Straße zu stellen. Man gibt die Verantwortung für seine Sachen somit anonym ab und hofft, dass sich Leute finden, denen es vielleicht noch gefällt und die es gebrauchen können. Und immer wird, wenn ich mit jemandem darüber spreche, betont: “Was abends noch da ist, hole ich auch wieder rein. Ganz sicher”.



Als ich meine ‘Zu verschenken’ Box vor die Tür gestellt habe, habe ich alle 30 Minuten nachgesehen, was schon weg ist und ob es vielleicht doch nur um die Ecke liegt. Ich wollte wissen, wer meine Sachen, so wertlos sie auch für mich waren, mitnimmt. Nach 3 Stunden holte ich den Rest meiner Sachen tatsächlich wieder rein. Dies tun aber die wenigsten und so sieht die Realität dann aus:

Funktionstüchtig. Ungewollt. Rausgestellt. Draußen Gelassen. Verschleppt. Verschmutzt. Beregnet. Zu Müll geworden.

Wie die Couch, die seit zwei Woche um die Ecke steht. Vor einer Woche, als sie rausgestellt wurde, sah sie ok aus. Fasst als hätte man sie bei einem Umzug vergessen einzuladen. Das dachte ich zumindest, als ich das erste Mal an ihr vorbei ging, weswegen ich kein Foto gemacht habe. Dann hat jemand nur die dicke Rückpolsterung mitgenommen; nach 2 Tagen hat es geregnet; an Tag vier hat ein Hund dran gepickelt; am 5. Tag wurden Zigaretten auf ihr ausgedrückt; an Tag 8 hat sie jemand auf die andere Straßenseite gestellt. Das ist das Schicksal von vielen gut gemeinten ‘Geschenken’, die es in Berlin auf der Straße gibt. Regen, Wind und Sonne nehmen schließlich den schönsten Sachen schnell jedes Leben.


Aber wohin mit den Sachen, die wir gerne auf die Straße stellen würden?

Vor ein paar Jahren habe ich den Tausch- und Verschenkmarkt entdeckt, eine Rubrik auf der Website und in der App der BSR (Berliner Stadtreinigung). Damit kann man Dinge gezielt verschenken oder tauschen, ohne sie auf die Straße zu stellen.

Vergangene Woche sprach ich mit Sebastian Seibel von der BSR über den Tausch- und Verschenkmarkt, die Berliner Attitüde des ‘Auf die Straße Stellens’ und über das Thema: in welchen Müll gehört was. Herr Seibel ist bei der BSR für die Abfallberatung zuständig und betreut auch den Tausch- und Verschenkmarkt.



Sebastian Seibel BSR-Abfallberater, zum Thema Abfallvermeidung/Tausch- und Verschenkmarkt Quelle: BSR

Herr Seibel, seit wann gibt es den Tausch- und Verschenkmarkt?

Vor etwa 15 Jahren haben wir bei der BSR unser Online-Angebot neu strukturiert und ausgebaut. Dabei haben wir uns natürlich auch gefragt, was für die Menschen von besonderem Nutzen wäre. So haben wir nach einem Format gesucht, wie Menschen funktionstüchtige Dinge, die sonst im Müll landen würden, tauschen oder verschenken können – also eine Plattform im Sinne der Abfallvermeidung. Auf diese Weise ist dann der Tausch- und Verschenkmarkt entstanden.

Ich bin etwas erstaunt, dass es den Tausch- und Verschenkmarkt schon seit 15 Jahren gibt. Wie wird das Format angenommen?

Wir sind seit dem Launch kontinuierlich gewachsen und befinden uns heute bei bis zu 2.000 Anzeigen im Monat.

Ich habe eher zufällig von dem Tausch- und Verschenkmarkt gehört. Wie wird er denn beworben?

Wir bewerben die Funktion u.a. in der BSR-App, auf unseren Kanälen in den Sozialen Medien und bei der Abfallberatung. Wir ermuntern dabei die Menschen, funktionsfähige Sachen nicht gleich wegzuwerfen, sondern über den Tausch- und Verschenkmarkt weiterzugeben oder auch zu spenden. Zum Thema Spenden statt Wegwerfen haben wir auf unserer Website eine Liste gemeinnütziger Organisationen zusammengestellt.

Ich habe gesehen, dass man zwischen Tauschen und Verschenken filtern kann. Wenn man nach Tauschen filtert, sind da sehr kreative Ansätze. Was sind denn die begehrtesten Tauschobjekte, oder was war am verrücktesten?

Die Tauschanfragen sind wirklich sehr vielfältig. Was häufig zu beobachten ist: Es wird etwas angeboten und im Gegenzug nach Küchenutensilien gesucht, z.B. nach Küchenpapier oder sogar Lebensmitteln.

Gibt es Pläne für die zukünftige Entwicklung des Tausch- und Verschenkmarkts?

Wir entwickeln die User Experience kontinuierlich weiter und nehmen auch Feedback dazu gerne auf. Der Tausch- und Verschenkmarkt ist und bleibt fester Bestandteil des BSR-Online-Angebots. Und voraussichtlich im Sommer eröffnen wir auch noch ein analoges Gebrauchtwaren-Kaufhaus.

Obwohl es den Tausch- und Verschenkmarkt und auch Ebay-Kleinanzeigen gibt, sehe ich immer noch viel auf der Straße herumstehen. Was sagt die BSR dazu?

Man muss hier ganz klar sagen: Es ist rechtswidrig, Gegenstände einfach so an die Straße zu stellen. Eine solche illegale Ablagerung stellt eine Ordnungswidrigkeit dar, die von den Ordnungsbehörden mit Bußgeld geahndet wird. Bei abgelagerten Schadstoffen kann es sogar in den Bereich der Umweltstraftaten gehen. Was viele Leute außerdem nicht bedenken: Insbesondere größere Gegenstände, die unsicher abgestellt sind, können z.B. spielende Kinder gefährden und schwere Unfälle verursachen.

Wenn etwas unerlaubt auf die Straße gestellt wird, läuft das ungefähr so ab: Im Rahmen von Ordnungsverfahren nehmen die Behörden die jeweiligen Sachverhalte auf, leiten Ermittlungen zu den Verursachern ein und beauftragen – je nach Art der illegalen Ablagerung – unterschiedliche Entsorgungsunternehmen mit der Beseitigung. Die Ordnungsämter verfügen auch über das rechtliche Instrumentarium, Streifengänge durchzuführen und Bußgelder zu verhängen.

Bei illegalen Sperrmüll- und Elektroschrottablagerungen wird in Berlin die BSR beauftragt, bei unerlaubt abgeladenem Bauschutt kommt eine Spezialfirma zur Entsorgung – ebenso bei widerrechtlich abgestellten Autowracks. Die Kosten dafür trägt dann der Steuerzahler. Übrigens stellen nicht nur Privatpersonen Sperrmüll auf die Straße, sondern häufig auch unseriöse Firmen, die Entsorgungsgebühren sparen möchten.

Wie hoch ist die Aufklärungsrate, also in wie vielen Fällen findet man den Verursacher und kann ihn dafür belangen?

Dazu können wir wenig sagen, weil ja das Ordnungsamt solche Verstöße ahndet. Aber hoch ist die Aufklärungsquote unseres Wissens nicht. Wenn etwa Säcke mit Müll gefunden werden, kann das Ordnungsamt nachforschen, ob der Verursacher z.B. anhand der Adressdaten eines Briefs aus den Müllsäcken ausfindig gemacht werden kann. Aber spätestens vor Gericht ist das alles nur sehr schwer nachzuweisen.

Was empfehlen Sie Leuten, die Dinge haben, die sie gerne verschenken würden?

In erster Linie natürlich den BSR-Tausch- und Verschenkmarkt oder unsere Internetseite Spenden statt Wegwerfen. Eine weitere Möglichkeit: Hier in Berlin wohnen ja viele Menschen in Mehrfamilienhäusern. Vielleicht einfach mal die Hausverwaltung ansprechen ob man irgendwo im Gemeinschaftsbereich ein ‘Verschenk-Regal’ anbringen kann. Wenn die Hausverwaltung keine Risiken, z.B. beim Brandschutz, sieht, kann man so etwas für kleinere Gegenstände leicht umsetzen. Und wenn man partout keine Abnehmerin oder keinen Abnehmer findet: Bitte die alten Sachen auf den Recyclinghof bringen oder die Sperrmüllabholung anfordern. Es gibt jedenfalls keinen Grund, irgendetwas auf die Straße zu stellen.

Oft habe ich aber das Gefühl, Menschen stellen etwas vor die Tür, weil sie es zum Wegwerfen zu Schade finden, oder nicht genau wissen wohin damit. Z.B. Blechdosen sehe ich immer wieder auf den Straßen in Boxen.

Für Fragen der richtigen Abfalltrennung und auch der konsequenten Abfallvermeidung stehen unser Service-Center und unsere Abfallberatung zur Verfügung. Auf der BSR-Website gibt es außerdem noch das Abfall-ABC, das bei der Entsorgung hilft. Ebenso hilfreich ist die Website von Trenntstadt Berlin.

Oft ist ja die Mülltrennung auch nicht so leicht. Was mach ich denn mit einer Blechdose, die eine Papierbanderole hat? So im Detail steht das ja nicht in dem Abfall-ABC.

Für alle Abfälle gilt: Je besser sie getrennt werden, desto mehr unterstützt man das Recycling. Ist die Papp-Banderole leicht abzunehmen oder sogar zur Entfernung vorgesehen, dann ab damit in den Papiermüll. Bei einer Blechdose ist das Papier in aller Regel aber aufgeklebt und nicht abzunehmen – die Dose kommt dann in die Wertstofftonne. Man kann sich merken, dass alle Verpackungen – außer aus Glas und Pappe/Papier – in Berlin in die Wertstofftonne gehören. Ein Pizzakarton jedoch, der völlig mit Speiseöl beschmiert ist, sollte nicht in die Papiertonne, sondern in den Restmüll. Und biologische Abfälle gehören natürlich in die Biotonne.

Und wohin gehört Kleidung?

Wenn Kleidung noch weiter getragen werden kann, gehört sie selbstverständlich nicht in den Müll. Sogar ein altes T-Shirt kann noch zum Putzen genommen werden. Erst wenn es völlig verdreckt, also für nichts mehr zu gebrauchen ist, sollte es in den Restmüll. Auch beim Thema Kleidung ist Abfallvermeidung ganz wichtig: Wir sollten unsere Kleidung gut pflegen, möglichst lange tragen und nicht mehr als nötig neue Sachen kaufen. Alles was man nicht mehr behalten möchte und was noch tragbar ist, sollte dorthin gegeben werden, wo es noch weiterverwendet werden kann.

Also in den Altkleidercontainer?

Ja, zum Beispiel. Altkleidercontainer stehen übrigens auch auf unseren Recyclinghöfen. Je nachdem wie gut die Kleidung noch ist, kann man sie aber ebenso zu einer Kleiderkammer oder einem Second-Hand Shop bringen.

Seit ein paar Jahren kaufen Unternehmen gute, tragbare Kleidung direkt von Kunden an, sodass die Kleidercontainer sich bald vielleicht nicht mehr lohnen. Ist es denkbar, dass Kleidung bald kostenpflichtig entsorgt werden muss, da Fast-Fashion Produkte häufig nicht weiterverwendet werden können, da sie keinen Wert mehr haben?

Kleiderrecycling passiert nicht zum Nulltarif – Sortierung, Weiterverwertung und Entsorgung kosten am Ende auch Geld. Wenn sich Altkleidersammlungen aufgrund schlechter Textilqualität nicht mehr durch ihre Erlöse tragen können, werden sie auf kurz oder lang ihren Betrieb einstellen müssen. Ob am Ende dann mal eine kostenpflichtige Altkleiderentsorgung steht, lässt sich jetzt aber noch nicht sagen.

Ich bedanke mich herzlich bei Sebastian Seibel und der BSR für das Telefoninterview. Ich nehme aus dem Telefonat auf jeden Fall die Bestätigung mit, dass es keine gute Idee ist, etwas auf die Straße zu stellen, egal mit welcher Intention. Allen Berlinern, die den Tausch- und Verschenkmarkt noch nicht kennen, möchte ich diesen ans Herz legen: um Sachen zu finden, aber vor allem auch um Sachen ‘zu verschenken’.

An alle Berliner, hier nochmal alle Link der BSR im Überblick:


An alle Münchner, auch der AWM ( Abfallwirtschaftsbetrieb München) bietet viele Informationen zu dem Thema Abfallvermeidung und Weiternutzung an:



An alle Anderen, falls ihr in einer Stadt wohnt, in der es etwas ähnliche Programme und Informationen zur Müllvermeidung gibt, schickt sie mir, dann dann kann ich sie im Blog mit allen teilen.



https://www.express.de/koeln/-zu-verschenken-----auf-gehwegen-ist-das-die-neue-koelner-wegwerf-mentalitaet--32759186