Wieso Sophia ein Modelabel für das Strick-Lebenswerk der verstorbenen Oma Lisa schuf

Sophia kenne ich aus meiner Zeit bei Zalando. Sie war schon damals voller Energie und voller verrückter Ideen.


Ursprünglich hat Sophia mal Textiltechnologie und -management und Bekleidungstechnik studiert. Sie besitzt einen Bachelor- und Masterabschluss. Alles hätte nach einem geordneten Karriereplan laufen können. Tat es aber nicht. Nach ihrem achtjährigen Ingenieurstudium geriet sie in eine kleine Findungsphase in der sie - erkannte, dass sie eigentlich Künstlerin ist. Seitdem lässt sie sich von viel positiver Energie durch ihr Leben treiben und kreiert. Sie hat viele verschiedene Berufe: Ausgebildete systemische Coachin, Podcasterin im dritten Jahr, Bloggerin und sie führt eben auch das kleine Label KABLN für handgearbeitete Strickware.


Als ich das Rebound Stuff Projekt startete, wusste ich von Anfang an, dass ich sie zu diesem Label interviewen will. Da sie als digitale Nomadin in Berlin und auf Kap Verden wohnt, traf ich sie dann doch recht spontan in ihrer Wohnung in Neukölln, Berlin.



Wie kam es dazu, dass du ein Label für Handgestricktes gegründet hast?


Nach meinem Studium 2017 ist das Label aus einer persönlichen und beruflichen Krise entstanden.

Für mich ist kurz zuvor alles zusammengebrochen, Ich wusste zu der Zeit gar nicht mehr, was ich will. Ich wusste nur, ich will was anderes. Ich war im Bürojob mit 40 Stunden die Woche und hatte gleichzeitig meinen Master in Bekleidungstechnik abgeschlossen. Vor allem bestand meine Arbeit aber aus etwas, für das ich nicht stand. Ich hatte in einem großen schnelllebigen E-Commerce-Unternehmen gearbeitet. An einem Punkt war ich dann soweit, dass ich nicht auch nur einen Schritt mehr in das Unternehmen setzen wollte. Ich wollte nicht eine Minute länger meine Energie dafür einsetzten.


Kannst du da noch genauer drauf eingehen?


Zum einen waren es die Projekte, an denen wir als Unternehmen arbeiteten. Da stand ich einfach nicht dahinter. Nachhaltigkeit war für mich schon immer ein sehr wichtiger Wert. Das wurde mir von meinem Elternhaus so mitgegeben. Umweltschutz und Naturverbundenheit waren uns als Familie schon immer wichtig. Lieber weniger, aber dafür in besserer Qualität zu kaufen, lieber auf etwas sparen und es mir gut überlege, ob ich es wirklich haben will.

Aber wie das eben so ist, wenn man Anfang 20 ist und alles anders machen will als die Eltern, bin ich dann bei einem Fast Fashion E-Commerce gelandet. Was auch gut war, da ich viele wichtige Dinge gelernt habe. Aber ich habe eben auch dazu beigetragen, dass Leute konsumieren, um vielleicht etwas anderes in ihrem Leben zu kompensieren. Ich fand also auf der einen Seite die Produkte nicht geil, die wir verkauften und auf der anderen Seite auch nicht die Gründe, aus denen die Menschen die kauften. Je mehr mir das bewusst wurde, desto schwerer wurde es für mich mit Leichtigkeit und Freude zur Arbeit zu gehen.


Du bist aber eigentlich Ingenieurin?


Ja, ich habe noch nie als Ingenieurin gearbeitet, sondern immer eher im kreativen Bereich. Was ich studiert habe war so eine Art Wirtschaftsingenieur für Textilien. Ich habe gelernt von Anfang, also der einzelnen Faser bis zum fertigen Produkt, jeden Schritt zu verstehen, der zur Textilproduktion nötig ist. Also die ganze Wertschöpfungskette: Wie funktionieren Spinnmaschinen, wie Webmaschinen, welche verschiedenen Webmuster gibt es, all das eben. Ich wusste immer, dass ich in die Mode will, das stand sogar schon im Abiheft. Aber ich wollte und will auch immer wissen, wie die Dinge wirklich funktionieren, Ich bin super neugierig. Meine Studienwahl hatte am Ende auch etwas mit Selbstvertrauen zu tun: Ich hätte mir damals nicht zugetraut Mode zu verkaufen, ohne zu wissen, was das Produkt wirklich ausmacht. Ich wollte von A-Z wissen, wie ein T-Shirt gemacht wird, damit ich glaubhaft sagen kann: Das ist etwas Gutes.


Und was hat sich dann verändert?


Fast Fashion zu verkaufen war einfach nicht erfüllend für mich. Das war nicht gut. Zwischenzeitlich habe ich auch stark gezweifelt ob ich vielleicht gar nichts mehr mit Mode machen mag. Ich hatte die Hoffnung verloren, dass sich etwas in der Branche ändert. Ich wollte zu der Zeit auch nicht den vermeintlich schweren Weg gehen und die Veränderung selbst antreiben. Ich dachte: “Hey; vielleicht mach ich ein paar Jahre etwas anderes und wenn die Konsumenten ihr Bewusstsein für den Wert von Modeprodukten geschärft haben, dann komm ich zurück.” Das war eigentlich mein Plan.

Nach meinem Studium und dem ersten Job musste mich erstmal wieder zusammenbauen. Ich bin dann 10 Tage in eine Schweigemeditation gegangen. Danach rief mich mein Kumpel, den ich seit der ersten Klasse kenne, an und sagte mir, dass seine Oma Lisa gestorben sei. Sie würden gerade bei ihr das Haus ausräumen und es sei alles voller gestrickter Sachen. Er fragte, ob ich die Strickware verkaufen könne. Ich meinte, er solle mir die Sachen schicken. Ich komme aus Süddeutschland und wohnte da schon ein paar Jahre in Berlin. Ich dachte, ich würde die Stricksachen an 1-2 Sonntagen auf dem Flohmarkt verhökern und dann würden wir mit dem Geld was schönes Essen gehen. Und das wars.

Aber dann kamen die Sachen hier an. Es waren so viele. Insgesamt 157 handgearbeitete Unikate. Ich habe eins nach dem anderen ausgepackt und bin aus dem Staunen nicht mehr rausgekommen. Es hat mich einfach verzaubert. Jeder Millimeter dieser Kleidungsstücke hat eine Intention, jede einzelne Masche wurde mit Freude gestrickt wurde. Das muss man sich mal vorstellen! Mich hat das so begeistert, dass ich dachte: Ich kann es nicht auf dem Flohmarkt verhökern, das muss wertgeschätzt werden. Und so habe ich dazu committed Fashion Brand zu spielen, das hatte ich ja schließlich lang genug geübt. Und seitdem spiele ich Fashion Brand.


Spielst du oder hast du eine Fashion Brand?


Ich glaube ich bin eine geworden. Aber Doris, du weißt wie das ist: Fake it till you make it.

Stimmt. Wir haben ja zusammen Marken gebaut. Wie bist du das dann angegangen? Eine Marke mit so einem Konzept, kenne ich auch sonst nicht. Normal bestimmt die Marke das Produkt und du bildest eine Marke um bereits bestehende Produkte.

Meine oberste Prämisse ist Nachhaltigkeit. Deswegen stelle ich die Marke und das Branding hinter der Nachhaltigkeit an. Meine Produktlabels sind zum Beispiel aus recyceltem Material, aus nicht mehr gebrauchten Jeans. Mir ist es wichtig, dass die Sachen bis ins kleinste Detail nachhaltig sind, da muss das Branding bis zum Logo perfekt aussehen, so wie wir es früher gemacht haben. Es ist schlichtweg auch am nachhaltigsten keine neuen Produkte herzustellen, sondern bestehenden Produkten wieder zu ihrer Wertigkeit zu verhelfen.


Aber was ist die DNA der Marke? Welche Kundinnen sprichst du an, die Styles könnten ja unterschiedlicher nicht sein. Da du die nicht bestellst, sondern die Omas irgendwann gestrickt haben, aus Lust und Laune, wie machst du daraus eine einheitliche Marke?


Die Marke steht am ehesten dafür zwei Generationen zu verbinden die vielleicht sonst nicht soviel miteinander zu tun haben. KABLN soll dazu beitragen, dass junge Leute ihr Bewusstsein verfeinern, für die Zeit die es dauern darf, etwas zu erschaffen und für den Wert von Handarbeit. Ich möchte mit KABLN dazu beitragen, dass die Leistung älterer Menschen gesehen und wertgeschätzt wird. Die DNA der Marke ist nicht eine Designsprache, sondern die Bedeutung der Produkte.



Wie kalkulierst du denn jetzt die Preise. Ich weiß, du hattest mal angefangen die durchschnittliche Strickzeit und den deutschen Mindestlohn als Grundlage zu nehmen. Wo bist du da inzwischen gelandet?


Da bin ich noch in der Findungsphase. Ich weiß auch nicht, ob es das Projekt KBLN in 5 Jahren noch genau so geben wird. Ich weiß nur, ich habe Strickteile die so wunderbar sind, dass ich hoffe, dass jemand Gefallen daran findet. Und ich möchte sie modisch zeigen. Die Preise sind derzeit ein Kompromiss zwischen dem, was die Kunden ausgeben möchten und meiner Einschätzung des Wertes.

Der Preis ist außerdem eine Wertschätzung der Arbeit. Es ist ja ein Lebenswerk wenn man 157 Strickteile hinterlässt, die allesamt mit Freude gestrickt wurden. Da weiß man, dass jedes Teil mit positiver Energie geladen ist; so ein Teil kannst du in keinem Laden kaufen. Ich bin überzeugt, dass man die Freude des Strickens spürt, wenn man das Teil trägt und das ist auch ein wichtiger Wert.


Lass uns das Thema mal als Größeres betrachten. Wir alle haben bestimmt ein paar handgemachte Strickpullis von Oma zuhause, die wir nicht tragen, weil sie uns nicht gefallen. Meine Oma ist vor Jahren auf Socken umgestiegen, damit will sie sicherstellt, dass wir auch nutzen, was sie uns strickt. Von meiner Mama hab ich einen Schal, den ich noch nie getragen habe. Wenn du mal 5 Jahre weiter spinnst, wohin es mit KABLN gehen könnte: Was siehst du dann?


Ich träume davon, dass KABLN sich zu einer Marke entwickelt, die verschiedene Menschen miteinander verbindet. Die Stricker und die Träger. Klar kann ich mir vorstellen, dass sich so ältere Menschen sich etwas zur Rente dazu verdienen, wenn sie stricken oder andere mir die ungebrauchten Pullis ihrer Oma schicken und diese zum Teil von KABLN werden.

Wichtig ist für mich, dass junge Menschen sich den Älteren näher fühlen und sich ihre Haltung ihnen gegenüber ändert, eben weil sie vielleicht einen Pulli tragen, den jemand aus einer anderen Generation gestrickt hat.

Ich wünsche mir, dass Kleidung anders verstanden wird in der Zukunft, dass auch der energetische Aspekt im Wert der Kleidung wahrgenommen wird. Also welche Mühen und Arbeit hineinfließen in die Herstellung. Und ich merke das ja selbst: Es ist ein ganz anderes Gefühl, wenn ich etwas von meiner Mutter anziehe, was sie schon viele Jahre hatte oder etwas von H&M von der Stange und aus Bangladesh; da ist ne ganz andere Energie enthalten. Das ist einfach nicht das Gleiche.


Ich rede ja in diesem Jahr noch mit ganz vielen Menschen zum Thema Wertfindung und Preisfindung . Zwei Faktoren die dabei helfen Wert zu definieren sind die ‘Marke’, das Material. Also eine Leinenhose ist eine Leinenhose und ein Adidas Pulli, ist ein Adidas Pulli. Aber ein selbst gestrickter Pulli ? Da ist kein Material-Etikett, kein Produkt-Pflegeetikett und kein Markenlabel dabei. Wie wissen die Leute, was sie da kaufen und wie sie den Pullover pflegen sollen? Wie gehen die Leute, die Interesse an den KABLN-Strickwaren haben damit um und wie empfindest du das?


Alle Materialien werden von mir geschätzt. Da kommt es mir zugute dass ich Textiltechnologin bin. Aber es bleibt eine Schätzung und ich kann mir nicht 100% sicher sein, ohne es im Labor zu untersuchen. Ich sage den Leuten einfach nach bestem Wissen und Gewissen, was ich denke, was es ist und sage ihnen, wenn sie auf Nummer sicher gehen wollen, einfach per Hand oder Schongang kalt waschen. Am besten sowieso in die Kühltruhe oder ins Bad zum Dampfen mitnehmen. Und vielleicht sollte man so einen besonderen Pulli auch nicht in eine rauchige Bar anziehen.


Ich bin ja selbst aus einer Familie, in der viel gestrickt wird. Auch ich habe versucht einen Pulli zu stricken, aber ich habe in 3 Jahren nur die Vorderseite eines Pullis geschafft. Du hast ja berechnet wie lange Oma Lisa im Schnitt für einen Pulli gebraucht hat.


Ja, 40 Stunden für einen schlichten Pullover, komplexe Muster noch länger. Also eine volle Arbeitswoche wenn man geübt ist.

Das coole ist auch um Stricken besser zu verstehen bin ich mittlerweile Mitglied in zwei Strickclubs. Die treffen sich jeden Montag für vier Stunden. Das hat mein Zeitgefühl auch nochmal gerade gesetzt. Das ist für junge Leute viel Zeit.


Hast du dann mitgestrickt?


Ja, aber ich bin eine Alibi-Stickerin. Mir macht Stricken gar keinen Spaß. Ich nehme fast immer ein Teil mit, wenn ich hingehe. Da sitzen ja im Endeffekt die Profis. Die frage ich dann, was sie davon halten und was sie denken, welches Material das ist und wie lange man für so ein Muster braucht. Auch bei Entscheidungen die die Marke betreffend, wie zum Beispiel dem Logo, beziehe ich die Strickgruppe mit ein.


Stricken die für dich gerade?


Nein im Moment nicht. Obwohl, den Schal da (sie zeigt auf einen Schal, den ich gerade halte) den hat die Gerda gestrickt. Ich hätte also Möglichkeiten, Sachen und Styles, die gut gingen nachstricken zu lassen oder auch eine “eigene Kollektion” zu starten, aber erstmal will ich noch mehr von dem, was ich habe, abverkaufen und Erfahrung sammeln. Die Nachfrage hält sich noch in Grenzen.


Wo verkaufst du gerade?


Über Instagram und Etsy hauptsächlich. Ich möchte an dieser Stelle auch hervorheben, dass ich mich sehr glücklich schätzen kann, denn viele Kreative haben mich bisher unterstützt, zum Beispiel Fotografinnen und Models. Das war eine super Erfahrung, wie viele Menschen sich da engagiert haben. Und auch meine Mutter hilft viel. Immer wenn ich auf Reisen bin, ist sie es, die die Pullis liebevoll verpackt und versendet.


Welche Sachen gehen denn gut und welche nicht?


Ach, die Basics gingen gleich am Anfang, die ganzen 80ies Styles kommen jetzt erst. Mit denen konnte ich vor zwei Jahren selbst noch nichts anfangen. Und jetzt ehrlich, ich ordne alles der Nachhaltigkeit unter. Wenn ich als Kunde die Wahl habe zwischen zwei Pullovern, der eine mir etwas besser gefällt, aber von der Stange kommt und der andere gebraucht ist, aber optisch eben fast genauso schön ist, dann ist der gebrauchte in meinen Augen immer der schönere, da er eben nachhaltiger ist. Die Mode erzählt uns doch eh immer was anderes und was weiß ich, ob mir der “schönere” Pulli morgen wirklich noch besser gefällt. Trends kommen und gehen, Mode funktioniert nach dem Prinzip:


You love it until you hate it and you hate it until you love it.

Das sehen wir doch jeden Tag. Ich finde nachhaltige Produkte wunderschön, ob sie gerade trendy sind oder nicht.


Nach dem Interview haben Sophia und ich dann noch ein paar Strickteile von Oma Lisa anprobiert. Obwohl ich mir nach meinen Regeln ja einen der Pullis hätte kaufen dürfen, bin ich bei der Auswahl, die sie in ihrer Wohnung hatte, aber leider nicht fündig geworden.



Vielen lieben Dank an Sophia Thome für die Einblicke in die Entstehungsgeschichte ihres Labels und ihre Offenheit über ihre persönlichen Ups- und Downs zu reden.


76 Ansichten