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TOSS or KEEP– Der Start ins Neue beginnt mit dem Abschied vom Alten.

Letztes Jahr um diese Zeit habe ich an diesem Blog, einer App, einem Film und einem Buch gearbeitet. Während ich den Blog immernoch weiter mache und die App sowie den Film fertig gestellt habe, ist das Buch auf der Strecke geblieben. In dieses Jahr haben viele andere ihre Bücher veröffentlicht: Marie Nasemann, Louisa Dellert, Luisa Neubauer, Thekla Wilkening, Carl Tillessen. Beim Lesen dieser Titel habe ich mich gefragt, welchen Mehrwert mein Buch eigentlich leisten könnnte?!


Ich habe noch keine Entscheidung gefällt. Trotzdem möchte ich heute zum Abschluss des Jahres ein kurzes Kapitel meines Manuskriptes teilen, das mir sehr am Herzen liegt. Vielleicht könnt ihr daraus einen guten Vorsatz für 2022 ziehen.


Der folgende Text ist ein Auszug aus einem Längeren und keine finale Version.





Das Ausmisten -

weshalb sich der Mensch so schwer von Dingen trennt


Es scheint ein so einfaches Wort zu sein und doch versteckt sich dahinter eine so anstrengende und schwierige Aufgabe: das Ausmisten /aus·mis·ten/ ablegen/ ausmustern/ ausräumen / aussondern/ aussortieren.

1. Ausmisten ist so schwer, dass sich ums Horten und Ordnen eine ganze Industrie gebildet hat


Gut, wir kaufen zuviel, das haben wir jetzt verstanden. Aber warum können wir nicht einfach in vollen Wohnungen und Häusern leben und jede noch so kleine Ecke und Lücke nutzen, um noch mehr Dinge aufzubewahren? Schließlich hat sich ein ganzer Industriezweig rund um das Thema ‘Noch mehr Stauraum’ gebildet. Wir sprechen hier von den Systemschränken unter Treppen, über Kleiderbügel die Platz sparen und die Stangen im Schrank zum brechen bringen, bis hin zu Self Storages in fast jeder Stadt in Deutschland.


Dieser ganze Industriezweig besteht im Grunde nur, weil Ausmisten für uns ein Problem ist beziehungsweise eine schwere Aufgabe, die wir gerne verschieben. Um Ordnung in unser Zuhause zu bringen, sprechen wir über die Lagerung und das Verstauen von Dingen als eine zu erfüllende Aufgabe, weil wir die Ursache nicht lösen. Selbst Aufräum- und Ausmistberater verkaufen Boxen und Stauräume als Lösung für eine neue Ordnung die uns die lang ersehnte innere Ruhe bringt, weil sie normale Menschen nicht zu Minimalisten machen können. Ihre Kunden wollen auch nicht hören, dass sie wahrscheinlich zu viele Dinge haben. Aufräumen und Verstauen hält aber nur die drohende Eskalation zum Chaos in Schach. Insgeheim wissen wir alle, das Verstauen der Dinge ist nicht die Lösung des Problems. Wir haben einen Überfluss im eigenen Heim und dieser Überfluss verursacht Stress in unserem Leben und auch in uns. Viele Minimalisten hingegen berichten von Ruhe die sie spürten, nachdem sie ihre Sachen losgeworden sind. So auch Max, den ich für meinen Blog interviewte. Er meinte, erst nachdem er seine letzte der 60 Boxen losgeworden war, viel der Ballast von ihm ab und er ist in seinem Tiny House wirklich angekommen.


Bevor wir uns der Aufgabe des Ausmistens überhaupt stellen können, müssen wir erst einmal verstehen warum es sinnvoll ist auszumisten.



2. Alles was wir besitzen fordert unsere Aufmerksamkeit


Solange wir so viele Dinge besitzen, können wir uns nicht auf das Wesentliche konzentrieren. Die Dinge besitzen uns. Wir verbringen Stunden damit uns um unsere Dinge und deren Ordnung zu kümmern, Dinge zu suchen und sie wieder auf ihren Platz zu legen. Dabei haben die meisten Dinge schon gar keinen festen Platz mehr in unseren Häusern. Es ist ein bisschen wie in der modernen chaotischen Lagerhaltung bei Amazon, die nur funktioniert weil ein Computer sich jedes mal merkt, wo ein Produkt abgelegt wird. Dann ist das auch effizient, aber unser Kopf ist kein Computer und wir Menschen eher Gewohnheitstiere, die schnell vergessen wo sie etwas hinlegen, wenn man schon das Nächste im Kopf hat. Den Überfluss empfinden wir also nicht nur beim Einkaufen, sondern auch zuhause. Ständig müssen wir uns für ein Ding, eine Tasche, eine Tasse, ein Handtuch entscheiden. Wir alle kennen wohl ähnliche Gedanken:

“Welche Tupperdose nehme ich? Die rote passt am besten. Wo ist sie denn? Oh ganz hinten; oder doch im anderen Schrank. Ah da ist sie, ganz hinten. Oh nein, jetzt sind wieder alle aus dem Schrank gefallen. Wer hat denn all diese Tupperdosen gekauft. Ich muss sie dringend mal ausmisten.”

“Was ziehe ich an, die Braune Hose? Ok, aber dann passen die schwarzen Stiefeletten nicht dazu. Ich hatte noch Braune, oder? Ah da ist der Absatz ab. Stimmt, die wollte ich zum Schuster bringen. Oh man, welche Hose ziehe ich jetzt an?”


Diese oder eine ähnliche Situation rund um Dinge verursacht tagtäglich Stress in uns. In der Summe kostet uns das viel Kraft, diese einfachen Dinge entscheiden zu müssen, bevor wir die wichtigen Dinge des Tages entscheiden. Besonders erfolgreiche Menschen werden oft wegen ihrem Einheitslook schief angeschaut. Aber schon Steve Jobs sagte: Er möchte für etwas wie Kleidung keine Energie verschwenden, deswegen kaufe und trage er immer das Gleiche. Also scheint die Lösung klar: Wir machen alle tabula rasa. Wir geben alles weg, was wir nicht verwenden und machen einen Neustart mit Weniger. Aber die wenigsten von uns schaffen das.


Wieso fällt es uns so schwer Dinge loszulassen?



3. Ausmisten fällt uns schwer weil wir es als Verschwendung empfinden


Ausmisten fällt uns schwer, da es uns vor einen realen Konflikt stellt. UND dieser Konflikt in uns, findet gleich auf mehreren Ebenen statt. Unsere Gefühle schwanken beim Ausmisten zwischen Erleichterung, Angst und Schuldgefühlen. Erleichterung, dass wir uns nicht mehr um unsere Dinge kümmern müssen. Angst, dass wir es irgendeines Tages bereuen werden etwas weg gegeben zu haben. Und Schuldgefühlen, Ressourcen verschwendet zu haben. Unsere eigenen Ressourcen, finanziell, aber auch die kollektiven Ressourcen: Die der Umwelt, die zur Herstellung dieses Produktes gebraucht wurden und ebenfalls die sozialen Auswirkungen in der Herstellung, auf die wir mehr und mehr aufmerksam gemacht werden. Etwas besessen zu haben, obwohl es unnötig war, löst Schuldgefühle aus.

Diese sind ökonomisch, ökologisch, gar elementar und spiegeln unsere realen Konflikte wider, die wir beim Ausmisten haben.


Lasst uns hier etwas genauer hinschauen.


Wir sind metaphorisch in einem Hamsterrad des Konsums und in einen Dauerkonflikt mit unseren eigenen Werten gekommen. Wir kaufen und kaufen und wissen, wenn wir etwas wegwerfen das an sich noch nicht aufgebraucht ist, instinktiv, das es Verschwendung ist. Dies haben wir gelernt. Wenn ein Produkt nicht mehr für seine Funktion genutzt werden kann, abgenutzt und kaputt ist, ist es aufgebraucht.

Und gerade in den letzten Jahren in denen die Klimakrise in den Vordergrund gerückt ist, ist die Verschwendung unserer endlichen Ressourcen viel mehr in den Fokus gerückt, als die Verschwendung der eigenen Finanzen. Kurz: Verschwendung ist schlecht, und wer verschwendet ist schlecht. Wir Menschen möchten aber nicht schlecht sein. Wir sind das Opfer von tausenden von Werbebotschaften die täglich auf uns einprasseln und wir sind zu schwach dem Kaufreiz zu widerstehen. Also reden wir uns ein, wir würden die Dinge später noch brauchen oder gar aufbrauchen oder jemandem geben, der sie braucht und deswegen lagern wir sie erstmal ein. Damit blockieren wir Ressourcen. Warum? Weil niemand in dieser Zeit die Dinge verwenden kann, die wir lagern. Teilweise reden wir uns ein, wir heben sie auf, weil wir sie irgendwann mal brauchen könnten oder sie in ihrem Wert steigen (was natürlich bei den aller aller wenigsten Produkten der Fall ist). In Wahrheit kaufen wir so viel, dass wir gar nicht die Chance haben, es je in unserem Leben aufzubrauchen und so oft zu nutzen, wie wir sollten.


Wir müssen das Hamsterrad stoppen um minimalistischer oder suffizienter leben zu können. Und ein wichtiger Schritt um diesen Wandel im Lebensstil anzustoßen, ist eben das Ausmisten.

Wie bei jeder Umstellung muss man sich den Status quo erst einmal bewusst machen um das Problem zu erkennen und angehen zu können. Bei einer Ernährungsumstellung ist der erste Schritt, sich über seine Essensrituale bewusst zu werden, neue zu erdenken und all das was noch in den Schränken und im Kühlschrank lagert und nicht zu dem neuen Weg passt, ‘auszumisten’. Was oft heißt wegzuwerfen oder an Freunde zu verschenken. Dann geht man einmal einkaufen und kauft das, was man ab dem Zeitpunkt essen möchte.


Wenn man seinen Konsum umstellen will ist dieses Ausmisten aber leider nicht so einfach. Wo soll man nur anfangen? Bitte nicht vergessen, wir müssen durch Jahre von Kaufentscheidungen gehen und nicht durch einen Monat Lebensmitteleinkäufe. Da ist es einfach, was abgelaufen oder zu alt ist, ist nicht mehr genießbar und muss weg. Die Dinge haben ein vorprogrammiertes Enddatum.

Das Ausmisten von Dingen nach Jahren der Kaufentscheidung ist nicht nur eine physische Angelegenheit sondern auch eine Psychische. Viele Dinge versetzten uns zurück in die Situation in der wir sie gekauft, erhalten, verwendet oder getragen haben. Wir werden mit vielen Erinnerungen konfrontiert, ob wir wollen oder nicht. Die Dinge bringen Gefühle zurück, die uns nicht rational entscheiden lassen. Der reelle Wert und der ideelle Wert der Dinge vermischen sich und plötzlich haben wir Angst, etwas aus unserer eigenen Geschichte zu verlieren, wenn wir es weggeben. Beim Ausmisten müssen viele Entscheidungen getroffen werden, die nicht immer leicht fallen. Kein Wunder, dass viele Menschen damit überfordert sind und Hilfe suchen.



4. Hilfe beim Ordnen und Ausmisten kommt vor allem aus Japan


Dieser Trend zur Hilfe kommt verstärkt aus aus Japan. Die Japaner sind in der westlichen Welt eigentlich für ihren minimalistischen Lebensstil bekannt und liefern diverse Hilfestellungen zum Thema Ausmisten. Es gibt eine Menge Bücher und Anleitungen zum Ausmisten und Ordnen von Dingen.

2019 bekam eine Japanische Autorin eine eigene Sendung auf Netflix, bei der sie als Organisations und Ausmisst-Guru auftrat und mit ihren Tipps auch Amerikanern helfen sollte, das Ausmisten und Ordnen ihrer Häuser und Leben zu lernen. Es funktioniert fast immer gleich: behalte nur was du nutzt. Gib jedem Ding einen festen Platz. Berücksichtige bei der Platzwahl die Häufigkeit in der du es nutzt. Verabschiede dich von allem anderen. Miste in kurzer Zeit aus und mache gleichzeitig Ordnung. Dazu werden dann noch kleine, vor allem durchsichtige Boxen verkauft und Falttechniken gelehrt. Klingt ganz einfach.


Es hat mich tatsächlich etwas Zeit gekostet um zu verstehen, wieso gerade die Japaner das Problem des Ausmistens und Ordnens so vehement versuchen zu lösen. Etwa zeitgleich mit Marie Kondos Siegeszug auf Netflix fing ich an in einem Unternehmen zu arbeiten, das von Japanern gegründet wurde. Erst durch meine erste Reise nach Japan 2019 verstand ich, wie viel Tradition und gesellschaftliche Regeln und Werte Japaner zu befolgen haben und fing an über ihre Geschichte mehr zu lesen.


Japan war ca. 200 Jahre komplett abgeschottet von der restlichen Welt und wurde erst 1854 gewaltsam zur Öffnung gezwungen. Japan sollte schnell an die Industrialisierung angeschlossen werden und unterlag aber im zweiten Weltkrieg den USA und wurde folglich von ihnen besetzt. Japan erlebte in der Nachkriegszeit eine Phase der bitteren Armut und bekam fast gleichzeitig von den USA den Zwang zum Import amerikanischer Waren und Produkte, die zu den eigenen Technologien stark in Konkurrenz standen. Wahrscheinlich kam in keinem Land der Welt, der Wandel aus einer Ära in der die Dinge rar, bedeutungsvoll und kostbar waren zu einer Ära der absoluten Überversorgung an Dingen ohne kulturelle Bedeutung, so plötzlich wie in Japan. Weder Wohnungen noch Häuser waren auf diese Anzahl an Produkten ausgelegt. Traditionell hatten Japaner wenig Möbel und fast keine Schränke. Viele Japaner unterlagen den Marketing Strategien und kauften alles was nützlich erschien als Resultat zur langen Not und Armut in den Nachkriegsjahren. Vor allem technische Errungenschaften hatten es Japan angetan. Solange jemand in einer Werbung sagte, dass ein Produkt im Haushalt praktisch war und Arbeit abnahm, war die Kauflust geweckt.

Japaner sind auf der anderen Seite aber sehr stark von traditionellen Werten geleitet und halten sich an strenge kulturelle Regeln. Sie haben wohl die beste Bezeichnung für diesen Wert den ich oben schon versucht habe zu beschreiben. Er wird im Japanischen als ‘mottainai’ bezeichnet, was soviel heißt wie: das Gefühl von Scham und Bedauern angesichts der Verschwendung einer Sache. Dieses Gefühl habe ich oben mit: Wir wollen nicht schlecht sein oder uns schlecht fühlen, beschrieben. Nagisa Tatsumi schreibt: “Wir sind von ungenutzten Dingen umgeben die uns belasten. Wir ahnen wie gut es sich anfühlen würde den Krempel einfach loszuwerden. Aber wir haben auch beigebracht bekommen, nichts zu verschwenden.” Die meisten Japaner lehnen Verschwendung jeglicher Art ab. Und anders als zum Beispiel in den USA nehmen sie Dinge die weggeworfen werden auch tatsächlich als Verschwendung wahr. Es ist immer noch ein Wert der in verschiedenen Alltagssituationen gelehrt wird. Wenn ein japanisches Kind beispielsweise eine Portion Reis nicht aufisst, verwenden auch moderne japanische Eltern noch das Wort ‘mottainai’ um ihre Kind zum aufessen zu ermuntern. Nagisa Tatsumi schreibt Japaner tun sich schwer, Dinge zu entsorgen, manche ersticken regelrecht in alten Magazinen und Kleidung, da sie nichts wegwerfen können.

Dabei geht es aber oft nicht nur um Dinge, die man einfach nicht braucht aber dennoch behält, sondern auch um