Olga und die Bedeutung von Second Hand in der Kreislaufwirtschaft

Aktualisiert: Okt 27

Olga ist auf einer Mission für nachhaltigere Mode, nicht nur in Europa, sondern auch in Russland. Als Berater, Board Member und Mentor versucht sie zu helfen, die Modeindustrie in Richtung Kreislaufwirtschaft zu bewegen.

Anfang Januar, lange bevor ich von Corona gehört hatte, traf ich mich mit ihr auf der Fashion-Tech Messe in Berlin, um über Second Hand zu sprechen.

Das Interview machte ich noch im Januar, doch zu Zeiten von Corona ist alles etwas anderes. Deswegen möchte ich an dieser Stelle etwas 'dazwischen schieben' und darauf hinweisen, dass Olga derzeit jeden Sonntag ein Online-Meeting zum Thema ‘Wie kommen wir in der Modebranche stark aus der Corona Krise’, für alle russischsprechenden Fashion Designers und Brancheninterne veranstaltet. Sie möchte damit eine Plattform, zur Unterstützung und Ideenanregung, anbieten.

Falls ihr Interesse habt, meldet euch direkt bei ihr über ihrem Instagram Kanal oder bei der Facebook Gruppe: Circular Fashion in Russian. Teilt es gerne mit Freunden, die russisch sprechen und in der Modeindustrie tätig sind.


Olga Johnston-Antonova, Founder at "Redshift" Circular Fashion Russia Institute

Und nun zum Interview.

Olga, du kämpfst für eine Modeindustrie, die durch Implementierung der Kreislaufwirtschaft (Blogpost dazu folgt demnächst) nachhaltiger ist. Kannst du uns erklären, was das heißt?

Wir sollten hier dem einzigen Modell folgen, das unseres Wissens nach funktioniert, der Natur. Ressourcen werden so lange wie möglich genutzt, bevor sie zu Nährstoffen im nächsten biologischen Kreislauf werden. Nach diesem Vorbild müssen wir unsere Produktion von Kleidung gestalten, damit, genau wie in der Natur, nichts verschwendet wird.

Und genau das versuchen wir jetzt langsam in der Textilindustrie zu erreichen, indem wir nachhaltig werden. Wir müssen aufhören, die Ressourcen wie bisher zu missbrauchen. Wenn wir sie entnehmen, und wir haben sehr viel entnommen, müssen wir jetzt lernen, sie ohne Verschwendung und erneute Entnahme in diesem Kreis zu halten. Wir müssen Ressourcen wie Metall, Papier und Baumwolle wiederverwenden. ‚Reuse’ ist das Hauptwort für Zirkularität. Zirkularität, der Grundbaustein der Kreislaufwirtschaft, ist der Weg, Nachhaltigkeit zu erreichen. Und dies betrifft alle Disziplinen der Produktion: Design und Entwicklung. Wir müssen uns immer die Frage stellen: Was können wir machen, aus dem, was wir schon haben? Es ist eine Wertschöpfung aus vorhandenen Materialien.

Ist für dich Second Hand auch ein Aspekt von nachhaltiger Mode?

Die Bedeutung von Secondhand Mode bei dem Thema Nachhaltigkeit in der Textilindustrie steigt definitiv. Es ist ein wichtiger Punkt von Nachhaltigkeit, oder sogar der Wichtigste, weil wir Dinge einfach weiterverwenden. Wir schaffen in erster Linie keinen Müll, den wir entsorgen müssen und binden keine neuen Ressourcen, die wir entnehmen müssen. Solange wir Kleidungsstücke oder andere Gegenstände weiter in Verwendung halten, ist das ein wesentlicher Bestandteil von Nachhaltigkeit.

Und für die Modeindustrie ist die Weiterverwendung von Design ja wirklich nichts Neues. Es ist sogar sehr populär. Wenn du Designer fragst, wie sie all die schönen neuen Dinge kreieren, sagen sie fast alle, dass sie von etwas zuvor Gesehenem inspiriert wurden. Die besten Designer gehen, auf der Suche nach Inspiration, typischerweise zu den Vintage-Läden und Flohmärkten dieser Welt. Sie selbst tragen selten ihre neuesten Kollektionen, sondern häufig etwas, das sie selbst irgendwo entdeckt haben und dem sie wieder Leben einhauchen.

Also, ja. Second Hand kaufen ist ein Teil der Nachhaltigkeit und der Kreislaufwirtschaft. Es bedeutet, Ideen wieder zu verwerten, auf ihnen aufzubauen und sie auch zu verbessern. Historisch gesehen haben wir früher Kleidung und Stoffe immer wieder verwendet und verwertet, weil sie teuer und selten waren. Neue Stoffe waren schwer erhältlich,man hat verwendet, was schon da war. Jeder kennt noch die Flicken auf den Hosen. Die Zeit, in der wir alles längst möglich genutzt haben, ist noch gar nicht so lange vorbei wie wir denken. In manchen Kulturen, wie in Japan, wurde das sogar zu einem uniquen Style. Second Hand Kleidung ist für mich also kein neuer Trend, zumindest nichts neu Entstandenes. Die Leute haben noch nicht vergessen, wie es früher war.

Da du aus Russland kommst, wie sieht es dort aus mit Second Hand? Ist man da noch näher an dem Thema dran? Mögen die Russen Second Hand, oder eher nicht?

Man trägt in Russland ziemlich viel Second Hand. Aber aus Notwendigkeit, nicht weil sie denken, es sei modisch. Man sucht sich die gebrauchten Sachen auch nicht aus, man bekommt sie von Leuten geschenkt, weil sie denken man könnte sie brauchen. Und meist ist es auch so. Das Ende des Kommunismus in Russland markierte auch das Ende der Mangelwirtschaft. Leute in Russland möchten sich jetzt den Besitz und die Auswahl an neuen Dingen erlauben. Und das kann man auch verstehen, wenn man so viele Jahre nicht die Möglichkeiten dazu hatte. Es gab viele Uniformen, jeder sah gleich aus. Leute wollen auf jeden Fall etwas Neues, nicht unbedingt etwas völlig Anderes, da sie hauptsächlich doch Massenware kaufen. .

Etwas neu zu haben bedeutet in Russland auch, nicht arm zu sein. Zu kurz zurückliegen noch die Jahre, in denen man Kleidung ‘auftragen’ musste, weil man sich nichts Neues leisten konnte. Viele kennen das noch aus ihrer Kindheit.

Sogar wenn es um gebrauchte Luxusware geht, müssen in Russland tätige Unternehmen die Leute erst über Second Hand aufklären, bevor diese ihre Kunden werden. Mit einem solchen Unternehmen arbeite ich auch zusammen. Leute suchen keine gebrauchten Produkte. Diese Unternehmen wachsen derzeit zwar, aber es ist nicht leicht, in Russland mit gebrauchten Waren Geld zu machen. Es ist eine große Herausforderung.

Jetzt, da du es ansprichst: In Deutschland kann man bei Umfragen sehen, dass Second Hand Ware von Menschen im unteren Einkommens-Segment gekauft wird, aber auch von Menschen im Oberen. Also etwas anders als in Russland. Wie empfindest du den Deutschen Markt, wenn es um Second Hand geht?

Ich wohne jetzt seit 5 Jahren in Berlin und kenne ‘Deutschland’ nicht gut. Ich habe lange in Dublin gewohnt und kann sagen, die angelsächsische Kultur ist meiner Einschätzung nach verschwenderischer als die deutsche. Ich will nicht in die katholisch-calvinistische Richtung gehen, aber ich habe in Holland gelebt und dort kaufen Leute lieber ein teures gutes Produkt, das sie lange haben. Im Gegensatz dazu sind die Deutschen versessen darauf, alles ´günstig´ zu kaufen, das Preis-Leistungs-Verhältnis muss bei ihnen stimmen. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob es darum geht, etwas besonders günstig zu kaufen, oder den maximalen Wert für geringe Kosten zu bekommen.

Aber wegen diesem Verhalten ist die deutsche Kultur offen für Wiederverwendung, denke ich. Ich sehe auch, dass hier in Berlin Boxen mit Sachen vor die Tür gestellt werden, die man einfach mitnehmen kann. Einmal habe ich auch etwas mitgenommen, weil es mir gefallen hat. Aber es zeigt auch, dass es eine übersättigte Gesellschaft ist. Ich habe von meinem Sohn Kleidung vor die Tür gestellt, aus der er herausgewachsen ist und obwohl es Markensachen waren, war nicht alles weg.

Die Deutschen verstehen den Wert von Dingen und Materialien sehr gut. Wie die Russen, haben sie eine ‚Bastel-Kultur’, in der man früh übt und versteht, mit Materialien zu arbeiten und sie wieder in Verwendung bringt. Das ist bei den Angelsachsen anders.

Wie siehst du den Wandel im Second-Hand-Markt? Bei den Marken, den Designern, oder auch im Style der Menschen? Was ist, wenn man keinem Modediktat mehr folgen kann?

Ich denke Second Hand ist etwas für kreative Menschen. Auf den Straßen Berlins kann man das gut sehen. Die anders, kreativ angezogenen Menschen kaufen ihre Sachen nicht von der Stange und nicht aus der aktuellen Kollektion. Man kann sogar erkennen, aus welcher Zeit die getragene Kleidung kommt. Und die Designer, die dann in einer Stadt wie Berlin wohnen, werden dann wieder von den Straßen inspiriert. Ich kann gut verstehen, wieso man Second Hand kauft. Für 100-150€ kann man eine Menge toller Sachen kaufen. Man kann ganze Looks mit wenig Geld kreieren. Um gut auszusehen, muss man nicht viel Geld ausgeben, wenn man Second Hand versteht. Ich kann z.b. mit 100€ viel bekommen, jemand Unkreatives kann mit 1000€ nichts Passendes finden.

Ich habe zuhause auch teure Teile. Aber ich schätze sie so sehr, dass ich sie nur ganz selten anziehe. Ich muss mich fast zwingen, sie zu tragen, weil ich Angst davor habe, die Teile durch einen Fleck oder Ähnliches zu ruinieren.

Ich habe unter anderem auch eine cremefarbene Chanel Jacke, die ich bisher nur einmal getragen habe. Während ich sie anhatte, habe ich nur dran gedacht, dass ich mich wohl für ihren Neuwert einige Jahre lang gut in Second Hand Läden einkleiden könnte. Solche Kleidungsstücke haben einen Wert, der einem Sammlerwert entspricht, wie Kunst. Sie gehört zu einem Sammler oder in eine Ausstellung.

Ich verstehe das so gut. Ich habe mal etwas Teures verwaschen und habe daraufhin einmal berechnet, wie hoch der Wert einer Waschladung ist. Wenn man mal eine rote Socke vergisst, kann das ganz schön teuer werden.

Ja, das stimmt. Mein Sohn hatte einen Kaschmir Pullover von Bottega Venetta von seinem Vater bekommen. Leider ist dieser aus versehen in der normalen Wäsche gelandet und komplett geschrumpft. Der Wert des Pullovers war binnen Minuten weg, ein derber Verlust aus meiner Sicht.

Es ist wirklich eine Verantwortung, wertvolle und hochpreisige Sachen zu besitzen. Diese Kleidungsstücke haben normalerweise gute Materialien und sind sehr gut verarbeitet. Man muss wissen wie man sie wäscht und wie man sich darum kümmern. Es geht schnell, sie durch falsche Pflege oder Unachtsamkeit zu verlieren. Es reicht schon ein kleiner Fleck oder ein gezogener Faden. Wenn einem sowas passiert fühlt man sich dumm und ärgert sich. Es ist schwierig eine gute Balance im Bezug auf unsere Beziehung zu unserer Kleidung zu finden. Wir wollen damit ja zufrieden und glücklich sein.

Denkst du die Industrie wird sich verändern, wenn Marken und Händler vermehrt beginnen, ihre Produkte, vor allem Kleidung, wieder zurück zu nehmen?

Ich denke der Kunde entscheidet am Ende, in welche Richtung die Unternehmen gehen. Sie entscheiden, ob sie sich mit Second Hand kleiden wollen oder nicht. Es ist definitiv nicht schlecht, wenn sie beginnen, ihre Produkte wieder zurückzunehmen. Und wenn Marken ihre eigenen Sachen wieder zurück nehmen, halten sie die Wertschöpfung auch ein zweites Mal in ihrer Hand und machen sich vielleicht mehr Gedanken, was sie verarbeiten. Ich würde es lieben, einen mit Second Hand gesättigten Markt zu sehen, aber das kann ich mir noch nicht vorstellen.

Wirklich beurteilen kann ich es nicht, weil es derzeit noch kaum sichtbar ist. Es ist ein zusätzliche Umsatzquelle für die Unternehmen. Ich denke es ist auch gut für die Kunden, die Second Hand schon verstehen.

Hast du viel Second Hand und vielleicht etwas Besonderes?

Ich habe viel auf Flohmärkten gekauft. Vor allem Möbel. Ich habe auch gebrauchte Gläser von Royal Copenhagen. Und sie sind so schön, so etwas hätte ich neu nicht gefunden.

Bei Kleidung, die ich im Second Hand Laden kaufe, bin ich jetzt nicht unbedingt froh, dass jemand es schon getragen hat. Aber ich liebe Second Hand wegen der Auswahl, der Wirtschaftlichkeit und für die Nachhaltigkeit, die damit einhergeht.

Ich fühle mich ‘smart’ mit Second Hand. Es ist für mich eine schlaue Art, sich zu kleiden und zu konsumieren.


Ich habe lange gewartet, dieses Interview zu veröffentlichen, da ich auf das richtige Thema warten wollte. Als ich mir die Aufzeichnung des Interviews anhörte, wollte ich es erst unter dem Block: Wert der Dinge bringen. Aber Olga hat mit so einer Liebe über ihre Chanel Jacke und den Pullover gesprochen, dass ich sie in dem Block: Liebe zu Second Hand zu Wort kommen lassen wollte.

Danke Olga Johnston-Antonova für dieses schöne Interview und die Unterstützung meines Projekts, schon in der zweiten Woche .


Olga und ich am 14.Januar 2020 beim Fashion Tech Studio









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