Der schmale Grad aus coolem Vintage und nachhaltiger Beschaffung – Interview mit einem Gründungspaar

Aktualisiert: Nov 4


Marcel und Sandra sind beide Studenten und ein Paar. Sie waren die Ersten, die mich angeschrieben haben und fragten, ob ich ihren Shop Willy Vintage auf meinem Blog vorstellen will. Da ich das vorher noch nie gefragt worden bin, schrieb ich kurzerhand: Ja gerne, aber mein Blog ist keine Werbeplattform. Ich werde euren Shop gerne vorstellen, aber dann auch die Dinge ansprechen, die ich vielleicht nicht gut finde. Denn auch bei Secondhand ist alles oft nicht so nachhaltig wie es scheint. Die Beiden antworteten: Ja, wissen wir. Als wir damit gestartet haben und wissen wollten, wie das Ganze funktioniert und die anderen es machen, wurden wir schnell entzaubert.


Willy Vintage, das ist ein ganz neuer Seconhand & Vintage Onlineshop. Der von einem Studentenpaar diesen Sommer gegründet wurde.

Marcel und Sandra – Das Gründungspaar von Willy Vintage

Doris: Was habt ihr vor dem Secondhand Shop gemacht und wie seid ihr dazu gekommen, Willy Vintage zu gründen?

Marcel: Sandra studiert Sonderpädagogik im Master und ich studiere Immobilienwirtschaft. Wir beiden haben schon immer gerne gemeinsam an Projekten gearbeitet, vom Möbelbau bis über Uhren hat uns viel begeistert. Wir sind jetzt seit 5 Jahren ein Paar und haben da ähnliche Interessen und viel zusammen gewerkelt und gebaut. Irgendwann kam der Punkt an dem wir dachten, Sandra könnte mal die Kleidung ihrer Eltern bei Kleiderkreisel verkaufen. So ging das eigentlich los. Also gar nicht mit dem Gedanken, ein Business daraus zu machen.

Sandra: Bei unseren Projekten ist es uns immer wichtig gewesen, nicht nur das Geschäft darin zu sehen, sondern auch etwas Nachhaltiges zu machen, da das auch in unserem Privatleben einen großen Platz einnimmt.

Doris: Also was ist bei euch wichtiger? Etwas Nachhaltiges zu machen oder etwas das wirtschaftlich funktioniert und euch Geld einbringt?

Marcel: Ich habe mich damit schon auseinandergesetzt. Klar möchte ich etwas schaffen, was auch als Geschäftskonzept funktioniert, aber es muss im Einklang mit der Nachhaltigkeit sein. Ich würde nichts machen, wobei ich das Gefühl habe, es sei umweltschädlich. Uns war klar, wenn wir uns mit Secondhand schmücken, dann muss unsere Kleidung auch nachhaltig gesourced werden.

Doris: Dann wären wir wieder beim Thema: Wie kam es von dem Kleiderkreisel-Privatverkauf zu dem eigenen Online Shop? Ihr seid ja nicht die ersten, mit denen ich rede, bei denen es so war. Auch Moritz von Peeces erzählte mir, dass es bei ihnen so losging und jetzt haben sie über 120.000 Instagram Follower und 5 Angestellte.

Sandra: Meine Mutter hatte noch viele coole Teile aus den 80ern und 90ern, wie Vintage Blusen und Lederjacken. Ich hatte einiges davon auch selbst schon getragen. Also habe ich einfach probiert, ob es bei Kleiderkreisel wohl gehen würde. Die Nachfrage war sofort da und ich hatte dann keine Sachen mehr, die ich verkaufen konnte, aber Gefallen daran gefunden. Da wir selbst auch viel Secondhand gekauft haben, begannen wir dann mal hier, mal da ein Teil extra zum Verkaufen dazu zu kaufen und verkauften es dann bei Kleiderkreisel weiter. Wir erreichten irgendwann einen Punkt, an dem es für Kleiderkreisel zu groß wurde. Marcel meinte dann schon vor einem Jahr, wir sollten was Eigenes machen und einen Shop aufzuziehen ist heute ja viel leichter als noch vor ein paar Jahren. Aber damals konnte ich mir das noch nicht vorstellen.

Marcel: Mich hat das Dahinter interessiert. Also ich mag selber Secondhand und habe immer mehr Shops gesehen, die coole Vintage Sachen verkaufen und dachte irgendwann, das kann nicht sein, dass die Sachen von jemandem auf Flohmärkten zusammengekauft werden. Und dann habe ich etwas recherchiert und den ganzen Mechanismus dahinter entdeckt.

Doris: Genau deswegen wollte ich ja auch mit euch reden, weil du in der Email geschrieben hast, du hättest Sachen erfahren, die dir nicht gefallen würden.

Marcel: Ja genau. Du hast ja auch schon mit anderen geredet. Wenn man nur die coolen Marken, Nike, Adidas und co. haben möchte, kommt man nicht drum herum im Bulk ( Abgepackte Pakete im Kilopreis) aus den USA und UK zu kaufen. Erschreckend fand ich, dass die Altkleiderspenden aus den westlichen Ländern in Ländern mit geringen Löhnen versendet werden, um dort sortiert zu werden. Aus UK werden Altkleider häufig zum Sortieren nach Pakistan gebracht. Dann werden die Sachen auch nicht direkt verkauft, sondern häufig zurück in die USA oder UK geschickt, um von dort aus wieder in andere Länder verkauft zu werden. Da habe ich mir nur gedacht wie absurd es ist, dass Secondhand den Anschein hat, nachhaltig zu sein. Und wenn man dann genau hinschaut, findet man so etwas heraus.

Doris: Wer hat euch das so gesagt?

Marcel: Es gibt einen Wholesaler in UK, dessen Besitzer ist Pakistani, mit dem hatte ich Gespräche und auch Verhandlungen und der hat mich dann aufgeklärt, wie das alles funktioniert. Er macht dieses Geschäftsmodel schon mehrere Jahre. Und bei den anderen läuft das vermutlich ähnlich ab.

Doris: Und wie ging es weiter, nachdem Secondhand für euch entzaubert wurde?

Marcel: Bevor mir das alles so bewusst wurde, hatte ich tatsächlich eine Bestellung aufgegeben, die wahrscheinlich auch aus Pakistan ist. Wir hatten das Gefühl, um erfolgreich zu sein müssen wir diese Art von Produkten haben und da mitgehen. Also z.B. College Jacken. Und wenn er kurz darüber nachdenkt, weiß jeder Kunde ja eigentlich, dass US-Produkte wie College Jacken, bestickt mit den Namen amerikanischer Universitäten, nicht im großen Stil in Europa zu finden seien können. Als wir verstanden haben, welchen Weg wir damit eingeschlagen hatten, haben wir uns dann eigentlich schnell dagegen entschieden, es so weiter zu führen. Ich habe dann weiter überlegt was man machen könnte, oder ob wir es sein lassen. Ich habe dann die größten Sortierbetriebe bei uns in der Nähe angeschrieben, ob man da mal vorbeikommen kann und sich was aussuchen könnte. Ich war damals noch so blauäugig, dass ich nicht daran gedacht hatte, dass diese Betriebe das Potential bereits kommerziell abschöpfen. Natürlich verkaufen die schon an andere Wholesaler. Ein Geschäftsführer hat mir eine sehr nette lange Email zurückgeschrieben, indem er mir den Prozess erklärt hat, wie sortiert wird und wo ihre Ware hingeht, wir könnten ja dort einkaufen. Er gab uns die Adresse und warnte uns gleichzeitig vor den Schwierigkeiten, die uns im Secondhand Business erwarten.

Wir sind dann aber trotzdem hingefahren und es war ein netter und guter Kontakt, wo auch das mit der Sortiererin gepasst hat. Wir kaufen jetzt einen Mix, der extra für uns sortiert wird, so bekommen wir gute Sachen, die zu uns passen. Wir sind aber weiterhin auf der Suche nach einem Wholesaler der uns einen "Branded Sportswear Mix" regional und nachhaltig anbieten kann.



Doris: Wo sind eure Grenzen beim Einkauf? Auf was können sich eure Kunden bei euch verlassen?

Sandra: Die Sachen, die wir derzeit einkaufen sind zu 90% von der österreichischen Sortierung, bei der wir die Prozesse und die Leute die dort arbeiten gut kennen. Die Sachen gehen von der Spende über die Sortierung direkt zu uns. Es ist ein karitativer Sortierer, der Menschen die sonst nur schwer Zugang zum Arbeitsmarkt hätten, Jobs gibt. Wir überlegen gerade, ob wir auf die 10 % unserer Ware verzichten sollen, die aus den USA kommen. Unser derzeitiges Ziel ist es 95% aus Österreich zu bekommen und darauf zu achten, dass wir die restlichen 5% nicht von Unternehmen bekommen, die wissentlich schädlich agieren. Und uns ist wichtig, dass wir nicht mit Nachhaltigkeit als Argument für unseren Shop werben, bis wir bei 100% sind.

Doris: Was funktioniert bei euch vor allem gut?

Sandra: Hosen, Jeans und Sweater. Die gehen bei uns gut. Da messen wir aber auch immer die Bundweite und die Hosenlänge nochmal mit aus, was also einen gewissen Mehraufwand birgt. Das wollen wir ausbauen.


Doris: Wirklich? Das überrascht mich! Viele Secondhand Läden verzichten darauf. Es ist schwer, weil die Größen und Passformen von früher zu heute sehr unterschiedlich sind und oft kein Strech drinnen ist, so wie wir das mittlerweile gewohnt sind.

Einige meiner Freundinnen sagen, sie würden gern Secondhand kaufen, aber ihre Größen gibt es nie.

Sandra: Echt? Wir haben bisher nur wenige Hosen in L und XL verkauft . In dem Mix den wir kaufen, ist häufig auch Größeres dabei, aber das geht bei uns eher schwer. Wir dachten auch, dass vielleicht gerade die großen Größen besser gehen. Aber das ist echt gar nicht so.

Doris: Wer sind denn derzeit eure Kunden?

Sandra: Als wir den Shop aufgemacht haben, dachten wir, die Kunden wären in unserem Alter. So Mitte/Ende zwanzig, aber tatsächlich sind sie eher zwischen 16-21.

Doris: Ah, das erklärt vielleicht auch die Größen. Verkauft ihr nur Vintage?

Wir verkaufen nur Second Hand, davon ist nicht alles Vintage, im eigentlichen Sinn. Wir finden aber immer wieder Eintrittskarten und anderes in den Sachen, was uns dann zweifelsfrei das Alter erkennen lässt. Bei uns ist das meiste vermutlich zwischen 20 und 30 Jahren alt. Es schleichen sich aber natürlich auch immer wieder Dinge darunter, die eher erst 10 Jahre alt sind.

Doris: Jetzt ganz hart gefragt: Wo geht die Reise bei euch jetzt hin, jetzt wo ihr soviel wisst.

Sandra: Wir haben in dem ganzen Prozess viel Neues, vor allem sehr schnell lernen müssen. Zum Beispiel an was man das wahre Alter einer Jeans erkennt. Dieses Wissen würden wir gerne an unsere Kunden über Social Media weitergeben, damit sie ebenfalls davon profitieren können. Wir wollen transparent sein, woher die Kleidung kommt, die es bei uns zu kaufen gibt.


Marcel: Wir kommen aus dem Allgäu und der Bodenseeregion. Wir studieren in Ludwigsburg und wissen nicht, wo es uns hin verschlägt. Aber ja, wir träumen von einem kleinen Laden mit dem Vintage und den Möbeln, die wir selber bauen um ein Teil des Stadtteiles zu sein, in dem wir wohnen. Es ist nicht so lukrativ wie ein Onlineshop, aber man kann den Menschen mehr geben. Einfach ein super Angebot in einem schönen gemütlichen Umfeld.

Doris: Und zum Schluss noch, woher kommt der Name Willy Vintage?

Sandra: Eine der ersten Lederjacken, die wir für den Verkauf gekauft haben, war eine Lederjacke mit einem eingestickten Schild mit dem Namen Willy. Aber es war nicht die Marke, sondern ein selbsteingesticktes Label mit dem Namen. Womöglich der Besitzer der Jacke.

Wir hatten von den ganzen Sachen Bilder gemacht und den Ordner, in dem alle Fotos auf dem PC waren, hieß dann Willy. Auch schon als wir anfangs bei Kleiderkreisel waren. Wenn wir beide dann von den Sachen von Willy sprachen, war das irgendwie unser Secondhand Business.


Marcel: Wir wollten uns dann einen ernsthaften Namen überlegen, um uns auch eine Domain zu sichern. Und irgendwann haben wir entschieden, es bei Willy Vintage zu lassen, denn das hat wenigstens eine echte Geschichte.



Danke Marcel und Sandra für einen ehrlichen Einblick in eure Gründung. Ich werde euch beobachten udn hoffentlich in ein paar Jahren in eurem Laden-Cafe vorbeikommen.