Wir bieten Kunden die pure Convenience beim Secondhand Verkauf – Interview mit Alexandra von Sellpy

Aktualisiert: vor 6 Tagen


Die schwedische Plattform Sellpy kannte ich schon etwas länger. In meinem Kopf hatte ich sie als klein und für mich wenig bedeutsam eingestuft. Dabei hätte ich es besser wissen müssen. Wo die H&M Gruppe so nah ist, ist ein plötzlicher Sprung nach vorne nicht unüblich. Seit Herbst 2019 ist H&M Hauptgesellschafter von Sellpy, am 4. Juli, nur ein paar Tage nach Bekanntgabe des Markteintritts in Deutschland, habe ich schon über das Unternehmen berichtet. Hier der Link dazu. Am 18. August durfte ich dann mit Alexandra Drissner, die für Sellpy die Leitung des deutschen Marktes übernommen hat, ein Interview führen.


Alexandra Drissner Country Head Germany – Quelle: Sellpy.se

Sellpy ist ja ganz neu am deutschen Markt. Wie groß ist Sellpy denn in Deutschland derzeit?


Natürlich ist das deutsche Geschäft von Sellpy im Vergleich zu Schweden noch relativ klein. Wir sehen aber schon in dieser Zeit ein super Wachstum und sind sehr zufrieden, wie Sellpy hier angenommen wird. Wir hatten jetzt Anfang August schon Zahlen erreicht, die wir uns für Ende September gesetzt hatten.


Aber eine eigene Infrastruktur gibt es hier in Deutschland noch nicht, oder?


Nein, noch nicht. Wir nutzen noch die ganze Logistik und Produktion in Schweden. Wir wollten mit wenig Komplexität in einen Markt einsteigen um zu sehen ob unser Produkt auch so angenommen wird, wie wir erwarten. Und nach den Zahlen jetzt sieht es so aus. Deswegen wäre dann der nächste Schritt, eine eigene Produktion und ein Lager hier in Deutschland, näher an unseren Kunden, aufzubauen. Aber das Konzept, dass Käufer über Länder hinweg kaufen können, wird bleiben, da es das Angebot größer und damit attraktiver macht. Je mehr Kunden Zugang zu einem Produkt haben, umso eher wird es verkauft. Entsprechend höher ist auch der Verkaufserfolg für den Käufer.

Auch wenn der Versand der Artikel ebenfalls Emissionen bereitet, sind sie doch deutlich geringer im Vergleich zu den Emissionen, die gespart werden können indem der Kunde Secondhand kauft.


Also wird derzeit alles nach Schweden und wieder zurück geschickt?


Ja und nein. Die Waren, die die Deutschen Kunden einsenden werden nach Schweden gesendet und dort für den Verkauft vorbereitet. Da aber die meisten unserer Kunden derzeit noch in Schweden leben, verkaufen wir dort auch noch am meisten. Also bleiben die Teile auch in Schweden.


In welchen Ländern kann man Sellpy Angebote derzeit kaufen?


In Schweden und Deutschland über Sellpy undEbay, sonst noch über Ebay in Österreich und UK. Außerdem verkaufen wir als Händler noch in Schweden auf einer Ebay-ähnlichen Plattform namensTradera und auf der Afound Plattform, die ja auch zu der H&M Plattform gehört.


Ihr verkauft nicht nur Fashion, wie sieht das denn mit Elektronik aus, wird die von euch geprüft?


Wir schauen nur optisch ob der Artikel intakt ist (z.B. gebrochenes Display o.ä.). Wir sind nicht spezialisiert auf die Wiederaufbereitung von Technik. Der Kunde ist bei uns verpflichtet, nur funktionierende Artikel einzusenden. Falls ein Käufer einmal ein Produkt erhält, das nicht funktioniert, kann er es ganz einfach reklamieren und es retournieren.


Bekommt ihr viel, das nicht mehr in gutem Zustand ist?


Das bequeme bei Sellpy ist eben, dass man alles in eine Tasche packen kann und weg damit. Da passiert es schon mal, das etwas mit hineingerät, dass nicht mehr ganz in Ordnung ist, das wird dann nochmal aussortiert.


Das ist aber eigentlich der größte Nutzen für den Verkäufer an eurer Plattform oder, dass man alles, auch Kategorie übergreifend einpacken und an euch schicken kann?


Ja, das ist der allergrößte Treiber, die Einfachheit. Alles in eine Tasche und kostenlos zu uns senden. Man muss nichts weiter tun, wenn man nicht will.

Für den Käufer sind die Vorteile bei Sellpy, dass man eine sehr gute Auswahl bekommt, mit sehr guten Preisen in einem ähnlichen Einkaufserlebnis wie in einem normal E-Com Shop: kein Risiko, 30 Tage Rückgaberecht und eine gute Claim Policy bei defekten Artikeln. Aber gleichzeitig ist es nachhaltiger und man shoppt ohne schlechtes Gewissen und negative Auswirkungen auf unseren Planeten n. Wir geben bei den Textilien ja zum Beispiel auch an, wieviel CO2 oder Wasser eingespart werden, im Vergleich zu einem neuen Produkt.


Wie berechnet ihr die CO2 und Wasserersparnis?


Die Einsparung errechnet sich im Vergleich zu den Ressourcen, die bei der Produktion eines neuen Produkts notwendig wären. Wir haben das für die wichtigsten Produktkategorien errechnet. Also wie viel Wasser braucht man im Schnitt für die Herstellung z.B. von Baumwolle. Wie hoch ist der Anteil an Baumwolle z.B. in einem T-Shirt und wie viel wiegt das spezifische T-Shirt.


Mit "Sellpy - to better use" meinen wir sowohl das Wörtliche, also die bessere Verwendung von Kleidung und anderen Artikeln, als auch den Wandel vom linearen zum zirkulären Konsum. Unser Ziel ist es, Secondhand zum neuen Normal zu machen und zu zeigen, dass man nicht auf Spaß oder Style verzichten muss, wenn man nachhaltig einkauft. 

Ich habe noch ein paar Fragen zum Verkauf. Ich habe meine 21 Artikel auf einen Haufen gefaltet und konnte die irgendwie nicht guten Gewissens so wegschicken. Dann habe ich eine Box genommen, die Artikel da rein und dann die Sellpy-Tasche darum gepackt. Wenn ich jetzt die Sachen für den Verkauf extra wasche, bügle und falte, kommen die doch total zerknittert bei euch an, oder?


Unsere Taschen sind aus recyceltem Plastik und super stabil. Man muss eigentlich nur die zerbrechlichen Sachen nochmal einpacken, aber sonst passiert da nichts. Einfach die Tasche beim zukleben etwas strammer ziehen, dann verrutscht nichts.


Und wie groß ist so ein Verkaufskorb? Wieviel packen die Leute durchschnittlich in die Tüten?


Durchschnittlich passen in eine Sellpy-Tasche ca. 20 Artikel, so wie bei dir ungefähr. Kunden können bei uns bis zu 3 Taschen bestellen.


Die Preise, die mir für meine Angebote von Sellpy vorgeschlagen wurden, kamen mir sehr gering vor. Auf was beruhen die?


Die werden über einen Algorithmus berechnet, der auf den Erfahrungen von über 6 Mio. Verkäufen basiert. Natürlich erhalten wir jetzt aus Deutschland andere Marken und wir sehen auch andere Einkaufspräferenzen. Um uns und unsere Preisvorschläge weiterhin zu verbessern ist es sehr wichtig für uns, von unseren Kunden zu lernen. Darum bitten wir unsere Kunden, den Preis kurz zu überprüfen und ggf. anzupassen bevor der Verkauf startet. Dafür haben Kunden 48h Zeit. Auch danach kann der Preis noch für 14 Tage angepasst werden - solange der Artikel natürlich noch nicht verkauft ist.


Was ist das Feedback soweit, reichen den Kunden die 48 Stunden den Preis anzupassen?


Ja, generell schon. Man merkt aber schon zwei unterschiedliche Personas unter den Verkäufern: Die sehr Involvierten, die sich dann auch direkt mit dem Preis befassen und die eher Bequemen, die sich um gar nichts kümmern möchten.


Die Preise werden ja jede Woche nach unten gesetzt. Wie sieht da die Logik aus?


Der gesetzte Preis bleibt erstmal 14 Tage fix, dann wird er prozentual jede Woche gesenkt. Im Schnitt bleibt ein Produkt bei uns 12 Wochen online. Wenn es nicht verkauft wurde, wird es gespendet. Die Stufen und die Prozentsätze sind abhängig vom Artikelwert. Wir reduzieren lieber, bevor etwas gar nicht verkauft wird. Unser Ziel ist es ja, dass die Sachen genutzt werden und eine zweite Chance bekommen.


Welche Dinge lehnt ihr für den Verkauf ab?


Natürlich alle defekten Artikel und Artikel, die nicht unseren Richtlinien entsprechen, wie Kosmetik, Artikel unter einem Wert von 5 Euro oder Artikel mit pornografischen Inhalten. Wenn ein Kunde findet, dass wir etwas zu Unrecht aussortiert haben, kann er diesen nochmal prüfen lassen. Wenn wir zu gleichem Ergebnis kommen, kann er sich den Artikel wieder zurücksenden oder ihn spenden lassen.


Was bietet ihr bei euch im Shop nicht an?


Wir haben eine Liste mit allen Dingen die wir nicht anbieten, dazu gehören gewaltverherrlichende Dinge, genauso wie Produkte aus bestimmten Tierteilen. (Hier ist der Link zu der ganzen Liste)


Wenn jetzt etwas von meinen Artikeln nach einigen Wochen angeboten wird und ich den Artikel doch lieber wieder haben möchte, geht das?


Ja, du kannst den Verkauf abbrechen. Dann geht der Artikel in deinen Warenkorb, mit den Kosten von 1 Euro, die die Einstellung gekostet hat. Zusammen mit anderen Artikeln, die du dann vielleicht kaufen willst, kannst du ihn dann im Warenkorb ganz normal auschecken.

Wenn man den Verkauf nicht abbricht und sich ein Artikel nicht verkauft, wird der Artikel automatisch gespendet. Wir haben uns aber dagegen entschieden, bei einem Nichtverkauf die Artikel automatisch zum Verkäufer zurückzusenden. Wie gesagt wollen wir es den Kunden einfach machen. Die meisten Verkäufer möchten sich nicht mehr um den Artikel kümmern und sind froh, dass wir das Recycling übernehmen.


Wohin werden die Artikel gespendet?


An die Stockholm Stadtmission und Myrorna. Das sind zwei führende Organisationen in Schweden. Da unser Lager und Produktion in Schweden sind arbeiten wir gerade ausschließlich mit schwedischen Organisationen zusammen.


Und was machen die dann mit den Sachen?


Ca. 70% der Artikel werden von den Organisationen weiterverwendet in Schweden und anderen Ländern. Die Organisationen versuchen textile und andere Artikel zu verkaufen und nutzen die Einnahmen dann wie Spenden. Wenn etwas nicht mehr genutzt oder weiterverkauft werden kann, wird es durch die Organisationen recycelt.


So jetzt habe ich noch ein paar Fragen zum Kauf. Ich muss sagen, ich habe mich noch nicht entschieden, ob ich Sellpy super finde oder nicht. Wenn ich jetzt ganz viele Favoriten gesammelt habe, mir der Preis bei einigen aber noch zu hoch ist, dann kann ich den Artikel nicht kaufen und auf die anderen 'warten' bis ich ihn mir schicken lasse. Sie werden dann geschickt wenn ich sie kaufe, richtig?


Wir wollen erstens, dass sich der Artikel verkauft bzw. wieder in den Gebrauch kommt und zweitens ein möglichst gutes Preis-Leistungsverhältnis für unsere Verkäufer und unsere Käufer. Hier gehen die Meinungen natürlich stark auseinander - die Verkäufer möchten einen möglichst hohen Preis, die Käufer einen möglichst niedrigen Preis für den Artikel. So ist dieses “marktwirtschaftliche” System entstanden. Es ist in etwa wie eine Jagd. Es sind alles Einzelteile, wenn sie weg sind, sind sie weg. Die Schlüsselfrage ist,: Wie lange kann man abwarten? Bis zur nächsten Preissenkung oder ist es zu riskant, dass der Artikel dann weg ist.


Ja, ich verstehe. Mir sind so schon tolle Sachen bei Sellpy durch die Lappen gegangen. Aber eher nicht weil der Preis zu hoch war, sonder weil ich nicht alle zwei Tage etwas senden lassen wollte. Vor allem da euer Konzept ja nachhaltig sein soll. Es wäre super, wenn ich einkaufen könnte, alles für mich aufgehoben würde und ich selbst entscheide, wann es genug ist und es mir schicken lasse.


Ja, das ist ein sehr gutes Feedback. Unser Ziel ist es in allen Aspekten nachhaltig zu handeln. Z.B. haben wir die Policy, dass wir auch im Unternehmen selbst nur Secondhand kaufen. All unsere Technik ist daher gebraucht, aber generalüberholt. Das ist unsere First-Purchase-Policy. Was gebraucht gekauft werden kann, wird bei Sellpy auch gebraucht gekauft. Wir werden unser Konzept noch an vielen Ecken weiter optimieren - die Versandoptionen gehören definitiv auch dazu.


Danke Alexandra für das Interview. Ich muss sagen, ich bin der Plattform schon etwas verfallen, vor allem als Käuferin. Wie meine Verkäufe bei Sellpy laufen, könnt ihr hier im Erfahrungsbericht lesen.



Sellpy-CEO Michael Arnör und Sellpy Deutschland-Chefin Alexandra Drissner – Quelle: textilwirtschaft


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