Die Obhutspflicht aka. das Warenvernichtsungsgesetz aka. das Retourengesetz

Aktualisiert: Okt 27

Der Gesetzentwurf vom 12.02.2020 zur Aktualisierung des Kreislaufwirtschaftsgesetzes beinhaltet auch die Absicht, dass in Zukunft Ware, die noch funktionstüchtig ist, nicht mehr aus Kostengründen vernichtet werden darf. Bei dem Unternehmen stößt der Entwurf auf Lösungssuche nach neuen Geschäftsmodellen.


Die Regierung hat diesen neuen Gesetzesentwurf auch vorgelegt, um zukünftig die Menge an vernichteter Ware zu reduzieren und die Menge an Warenspenden zu erhöhen. Doch die Unternehmen stellen sich bereits auf ihre neuen Pflichten ein und bringen eine Reihe von neuen Geschäftsmodellen an die Startlinie.


Welchen Missstand soll das Gesetz auflösen?


Wir Kunden sind ziemlich begehrt und so versuchen die Online Händler uns nicht nur durch viele Rabatte und Sonderaktionen zu locken, sondern auch durch jede Menge an Service Leistung. Spätestens seit Zalando vor 11 Jahren kostenlosen Versand und 100 Tagen kostenlose Retoure in den Markt eingeführt hat, bestellen wir Auswahloptionen nach Hause. Jedes sechste Paket wird mittlerweile zurückgesendet.


Online Händler kämpfen, um die Retourenquoten niedriger zu bekommen: bessere Beschreibungen, detaillierte Bilder, genauere Maße. Und trotz vieler Dinge die mal schief gehen können, am Ende bleibt der verwöhnte Kunde das Problem. Retournierte Artikel können im Handling (Prüfung bei Wareneingang und Rücksortierung) mehr kosten, als sie wert sind. Manche Händler beziffern dies im Schnitt mit bis zu 15 Euro. Kein Wunder, dass das ein oder andere Teil voll funktionsfähig in der Entsorgung landet. Deswegen spricht man vom Retourenvernichtungsgesetz.


Quelle: Tagesschau

In Deutschland gehen 280 Mio. Pakete, also ca. 487 Mio. Artikel pro Jahr, zurück. Davon werden laut der Universität Bamberg ca. 3,9% entsorgt (ca. 19,5 Mio Artikel) und nur 0,9% (ca. 4,4 Mio Artikel) werden gespendet.


Trotz der niedrigen Prozentzahlen ist dies laut Regierung und anderen Organisationen, wie Greenpeace, Ressourcenverschwendung und widerspricht unserem jetzigen Kreislaufwirtschaftsgesetz.


Natürlich passiert es auch, dass Einkäufer oder Produktmanager nicht den Kundengeschmack treffen. Manchmal ist das Wetter auch nicht so wie es sein soll, oder andere Faktoren, führen dazu, dass Saisonale Produkte als Ladenhüter in den Regalen liegen bleiben. Diese Produkte verursachen, allein durch ihre Lagerung, Kosten, die ein Unternehmen decken muss. Übersteigen die verursachten Kosten den Wert des Produktes, landet auch dieser 'tote' Lagerbestand manchmal in der Entsorgung. Deswegen spricht man vom Warenvernichtungsgesetz.


Ja, auch ich habe schon Dinge in die Entsorgung geschickt, da Lieferkosten zu einem Lager zu teuer waren.

Genau deswegen will die Regierung jetzt das KrWG nachbessern.



Die angestrebte Lösung der Regierung


Umweltministerin Svenja Schulze will verhindern, dass eigentlich noch intakte hochwertige Waren, vor allem im Onlinehandel, vernichtet werden, etwa um Platz in den Regalen zu schaffen oder weil wegwerfen günstiger ist als den zurückgesandten Artikel wieder neu anzubieten. Deswegen will sie das aktuelle Kreislaufwirtschaftsgesetzes (KrWG) schärfen und eine ‘Obhutspflicht’ integrieren, die dieses Problem fokussiert. Im Februar 2020 legte sie daher einen neuen Gesetzesentwurf vor, der mit konkreten Verordnungen dafür sorgen soll, dass Warenvernichtung eliminiert oder mindestens vermindert werden soll. Derzeit ist das Ausmaß der Retouren- und Warenvernichtung nicht genau bekannt, weswegen der Gesetzentwurf der SPD-Politikerin auch vorsieht die Händler zu verpflichten offenzulegen, inwiefern sie Ware vernichten. Pläne, wie man das Ganze überprüfen kann, gibt es aber nicht. Der Gesetzesentwurf sieht da eine Selbstdeklaration des Händlers vor.


Da das Gesetz noch keine klaren Verordnungsvorschläge enthält, laufen die Diskussionen über die konkrete Ausgestaltung der Obhutspflicht derzeit auf Hochtouren. Für einige Inhalte, wie die Maßnahme, dass Ware als Sachspende umsatzsteuerfrei weitergegeben werden kann, will sich die Ministerin persönlich einsetzten. Damit sollen mehr Organisationen Spenden erhalten können, ohne das es zu finanziellen Nachteilen für die Unternehmen kommt. Hier sieht die Ministerin z.B. Sozialkaufhäuser und andere Einrichtungen im Fokus.


Gibt es nicht schon ein Retourengesetz?


Ja, das gibt es, aber es ist nicht Teil des KrWG. Es regelt grundsätzlich den Umgang und die Rechte bei Rücksendungen zwischen Kunden und Händlern. Er greift nicht weiter. Mit der nun geplanten Gesetzesänderung soll die Obhutspflicht einen neuen Umgang mit den Retouren beim Händler erzwingen.


Wie geht es jetzt weiter in der Diskussion um die Obhutspflicht?


Auch wenn der Gesetzesentwurf hart umstritten ist und noch mitten in der Entstehung (nach Prognosen wird es nicht mehr in dieser Legislaturperiode verabschiedet), bereiten sich die Unternehmen auf das kommende Gesetz vor. Während die Regierung auf mehr Spenden und veränderten Service hofft, sitzen bei einigen Unternehmen Projektteams und bringen neue Konzepte in die Startlöcher, um mit dieser Ware weiteren Umsatz zu generieren. Hierzu gehören unter anderem Miet-Commerce-Unternehmen wie die Relenda GmbH und ReCommerce-Unternehmen wie Rebuy, aber auch andere Unternehmen, die ursprünglich aus karitativen Bereichen kommen, wie TEXAID.

Unternehmen wie Zalando (Zalando Pre-Owned) und Amazon (Amazon Warehouse) bauen eigene Geschäftssegmente auf oder aus, über die sie diese Produkte als “wie neu” weiterverkaufen können.


Bis die Diskussionen über das Gesetz beendet sind und es verabschiedet wurde, ist es vielleicht gar nicht mehr nötig, da neue Geschäftsmodelle mit der Ware, deren Vernichtung zu dem Gesetzesentwurf geführt hat, schon längst schwarze Zahlen schreiben.


Was lernen wir daraus?


Der Gesetzesentwurf ist ebenso ein Resultat aus dem Verhalten der Händler, als auch auf das Verhalten von Kunden. Unser Einkaufsverhalten trägt dazu bei, dass solche Gesetze nötig werden. Die Entwürfe solcher Gesetze befeuern wiederum neue Geschäftskonzepte. Wie in jeder Familie ist es dann so: wenn etwas nicht verstanden und deswegen umgesetzt wird, gibt es eine Regel mit Konsequenzen damit sie befolgt wird. Jede Regel führt zu Verhaltensänderungen, aber nicht immer zu der, die die Eltern beabsichtigt haben. Das beabsichtigte Ziel wird aber wahrscheinlich dennoch erreicht, intakte Waren werden nicht mehr vernichtet.



Quellen:

www.tagesschau.de

ww.t3n.de

www.manager-magazin.de

avocadostore.de


54 Ansichten